Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Über den fünften Schnaps – oder wie schön das Leben ist

2 Juni, 2014 von · Keine Kommentare

Georgi Burdarov

Übersetzung: Petya Lund

Korrektur: Laura Popow

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
Bild: Iliya Iliev

Ach, die Erzählung dieser Geschichte wird vermutlich bei mir niemals nachlassen. Vielleicht weil ich eines Tages das Ende der Welt erreichte, dabei fünf Schnäpse trank, Gott erspürte und erfuhr, wie schön das Leben ist.

Die Geschichte war einfach, und natürlich begann sie mit einer irrsinnigen Idee, die nach einigen Drinks in einer verrauchten Kneipe in Sofia entstand. Alles geschah im Sommer 2005 als wir nach einem ordentlichen Trinkwettbewerb beschlossen, eine Reise durch die Rhodopen zu machen. Fünf Erwachsene in einem kleinen sportlichen Mazda, mitten im Hochsommer, während der schlimmsten Hitze, fuhren gemeinsam durch die geheimnisvollen Rhodopen. Wir erlebten unwiderrufliche, unergründliche Abenteuer.

Wir fuhren Wege entlang, die man vor Jahrzehnten Straßen nennen konnte.

Tranken Schnaps mit sonderbaren Greisen in Ställen, die glaube ich, nicht einmal wirklich existierten, sondern nur für diesen Fall von jemandem ausgedacht worden waren. Wir sprachen mitten auf den Dorfplätzen mit betagten Frauen , die die Weisheit der vergangenen Jahrhunderte sammelten und so aussahen, als wären sie aus den Kurzerzählungen von Radichkov und Pelin entnommen, über das Leben.
Wir erlebten die denkbarsten Kontraste und übernachteten an den seltsamsten Orten.

Am ersten Abend erreichte uns die Nacht in der Nähe der Bergherberge „Gotse Delchev“ . Es stellte sich heraus, dass es keine freien Zimmer mehr gab, aber die ehemaligen Hütten abseits, in denen die heranwachsenden Parteimitglieder damals übernachteten, konnten wir notgedrungen bewohnen. Über den Schimmel und die Verwesung möchte ich nicht berichten- sie ließen sich mit genügend Alkohol verdrängen, aber die Preisliste! Die Preisliste, schau, sie war etwas ganz anderes!

Wiedergabe nach Erinnerung:

PREISLISTE:

Bett – 1,50 lw .

EXTRAS:

Sauberes Bettlaken – 0,50 st.

Teliak – 0,50 st. (leider im Urlaub, tut uns leid).

Darauffolgend übernachteten wir in dem Schloss von Beschirow in der Nähe von Nedelino . Vom Pool aus liegend beobachteten wir, wie die Stadt immer stiller wurde. Zunächst hörte langsam das Kindergeschrei auf, dann auch das Bellen der Hunde. Letztendlich aber erreichten wir das Ende der Welt!

Wie man das Ende der Welt erreicht? Ganz einfach! Von Smoljan aus fährt man nach Süden. Wenn man dann von dort aus über Smilyan fährt, muss man unbedingt die berühmten Bohnengerichte probieren. Nach dem lieblichen Lächeln der jungen Kellnerin übertrieben wir jedoch mit ihnen ein wenig : fünf Portionen Bohnensalat, fünf Portionen Bohnensuppe, fünf Teller weiße Bohnen mit Wurst und am Ende fünf Mal den Bohnennachtisch. Nach so viel Bohnen hatten wir so viel Energie getankt, dass wir definitiv dazu bereit waren, das Ende der Welt finden konnten!

Also: von Smiliyan aus fuhren wir in Richtung Südwesten, an Bukata und Mogilitza vorbei . Irgendwann landeten wir direkt im Zentrum des Dorfes Arda. Von dort aus, an der Kreuzung der Straßen „Sintchetz“ und „Patriarch Eftimii“, fuhren wir, selbstverständlich, „Sintchetz“ entlang . Dann bogen wir leicht links entlang in die Straße „Trudolubie“. Dort endete das Dorf Arda und begann … Gudövitsa.

Warum Gudövitsa das Ende der Welt sein sollte ?
Weil dieser Ort am Ende der topographischen Karte lag, danach durfte nichts mehr sein– das Ende Bulgariens. Hinter diesem Ort sollten nur noch die Grenzdrähte sein.
Und weil der Weg ganz plötzlich mitten im Dorf aufhörte, direkt vor dem Eingang des einzigen Ladens für Lebensmittel.

Sollte man dahin fahren, und auf die Idee kommen, dort etwas einzukaufen, konnte man das gleich vergessen. Es gab dort nur Bier und Eier im Sortiment. Wenn man die lächelnde Verkäuferin fragte, warum es nichts anderes gäbe, zuckte diese mit den Schultern und erklärte, die Limonade sei aus.

Während wir die frische Rhodopenluft einatmeten und mit den Kameras knipsten, kamen wir mit den Einheimischen ins Gespräch. Ein Wort ergab das nächste, und so erzählten wir, warum wir eigentlich hier waren.

Auf unsere Behauptung, dass hier das Ende der Welt zu bestaunen wäre, erwiderten diese: „Nein, nein, hier ist nicht das Ende der Welt. Hinter unserem Dorf kommt noch was ….“ Wir alle fünf waren Geographen, zwei von uns sogar Dozenten in der Uni, versuchend eine wissenschaftliche Erklärung zu finden, dass es hinter diesem Ort nichts mehr gäbe.

Als Beweis zeigten wir eine der vollständigsten militärischen Landkarten Bulgariens. Sie blieben aber hartnäckig: „Es gibt noch etwas, Gozdövitza!“, und lachten – warm, irgendwie melodisch, so wie die Menschen in den Rhodopen eben lachen.

Zuletzt waren wir so neugierig , dass wir überprüfen wollten, ob unser in der Universität angeeignetes Wissen für den Mülleimer war…

Wir liefen an Etwas entlang, das früher möglicherweise ein Weg, momentan aber nur noch Steine und hochgewachsenes, von der Sonne ausgetrocknetes Unkraut war. Unsere japanische Begleiterin, die schon immer in einer Stadt gelebt hatte, kletterte beängstigt den Berg hoch. Die Sonne brannte gewaltig, obwohl es erst 10 Uhr morgens war.

Die Insekten summten, und es duftete nach Thymian. Ach, wie himmlisch es nach Thymian duftete! Ich träumte davon, alles stehen und liegen zu lassen und sich nackt mitten in die Thymianwiese zu legen, den Blick in das unendliche Blaue des Berghimmels gerichtet.

Nach etwa 40 Minuten Bergklettern und der letzten möglichen Kurve unserer Heimat sahen wir ein altes, aber schneeweißes Schild: Gozdövitza

An diesem Moment angelangt überlegten wir, ob wir an Wunder glauben sollten oder unsere Zeugnisse aus der Universität zerreißen konnten.
Wir ließen die japanische Begleitung im Schatten warten und gingen langsam auf den Ort hinzu.

Gozdövitza schien bewohnt und idyllisch gewesen zu sein- den Häusern nach zu urteilen. Besser gesagt, nach den Resten davon. Zum Dorf zählten über Hundert große stolze Steinhäuser.

Das Leben brodelte- ein Lachen der jungen Frauen zerstreute sich wie eine Welle in mir, die Kinderspiele verjagten die Stille.
Die Menschen stritten sich, liebten sich, halfen sich, hassten sich, gebaren Kinder, heirateten, trennten sich, starben.

Es floss frühlingshaft der scharfe Schnaps und winterlich der ruinenhaft rauschende Wein. Sie haben die Erde mit ihrem Staub begossen, welcher das Leben anhand der Bäume neu entfaltete.
Jene Bäume, die jetzt noch in den verlassenen Höfen und Gärten standen.

Die Gebäude waren zusammengebrochene, ermüdete Greise, die sich auf stumpfe, improvisierte Stöcke stützten. Mit sprödem Putz und zerbröselten Backsteinen, mit ausgefallenen Zähnen und kaputten Brillen.
Häuser ähneln den Menschen – wenn niemand mehr da ist, der sie mit ihrer Anwesenheit wärmt, trocknen sie in stiller Einsamkeit aus.

Noch viel trauriger war es aber, wenn man eine von diesen gerade so aufrecht stehenden, schmerzvoll knirschenden Türen öffnete, um einen Raum zu betreten, der früher mal ein Zuhause war. Es sah so aus, als ob eine Naturgewalt plötzlich hinein gestürmt war und alle panisch davon gerannt wären. Auf dem staubigen Fußboden lag Geschirr herum – Töpfe und Pfannen, die noch so aussahen, als hätte jemand erst gestern sein Leibgericht „Imam bayadla“ zubereitet.

Unausgepackte Koffer, aus denen nie benutzte Kleidung herausschaute, Kinderschuhe, Schulhefte, Briefe, die wahrscheinlich nie die vorgesehenen Adressaten erreicht hatten. Unausgesprochene Gedanken, Schmerz, der nicht geteilt wurde, nicht erlebte Träume …

Ich wusste nicht, ob wir überhaupt das Recht hatten, die Stille dieser Trauer in den Häusern zu stören, aber in einem der Häuser fanden wir ein gelbliches Blatt, mit einer Handschrift beschriftet, die man für kindlich halten konnte. Ich gebe den Inhalt frei wieder, weil selbst dieses Blatt verschwand …

„Liebe Mutter, lieber Vater,

ich schreibe Euch, weiß jedoch nicht, ob Ihr diesen Brief je lesen werdet … Mir geht es gut, ich bin schon seit zwei Jahren in den USA. Ich konnte mich damals nicht verabschieden… Ihr wisst wie es damals war … entweder musste ich sehr zügig ohne mich umzudrehen verschwinden, oder …

Wir haben Griechenland durchquert, ich und Metin waren zusammen. Wir sind gemeinsam mit dem Schiff nach Amerika gefahren. Ihr könnt Euch überhaupt nicht vorstellen, wie unendlich blau der Ozean ist…Ich dachte, wir werden sterben und nie wieder Festland sehen, dass ich Euch niemals um Vergebung bitten könnte. Es hat Wochen gedauert, bis wir Amerika erreichten. Amerika ist so merkwürdig – alles ist ganz anders, nur die Menschen sind ähnlich und sie lächeln wie wir.

Am Anfang war es sehr schwierig. Wir hatten kein Dach über dem Kopf und mussten irgendwo übernachten. Danach sind Metin und ich unterschiedliche Wege gegangen, am Ende fand ich sogar einen Job. Momentan geht es mir gut, ich arbeite in einer Bäckerei, dafür muss ich sehr früh aufstehen, aber Ihr wisst ja – Arbeit macht mir keine Angst. Ich habe eine Wohnung und spare für ein eigenes Auto. Ich habe alles … alles…

Nur wenn es regnet und die Trauer mit dem Regen fließt, erinnere ich mich an den Schmerz und wie sehr ich Euch liebe…

Vergebt mir bitte, verzeiht mir…

Euer geliebter Sohn
Said Metkov

05. 06. 1967 Sacramento, USA“

Wir gingen aus dem Haus. Etwas erstickte uns. Wir hatten etwas in den Augen. Und der Himmel war so tiefblau, so unglaublich schön. Uns wurde schwindelig. Wir schauten uns um. Man hörte nur das Summen der Insekten, irgendwo schnaubte ein Esel. Wir erwarteten jeden Moment ein Gespenst vor uns.

Es kam kein Gespenst, aber aus dem Gebüsch sprang überraschend ein lebensfroher, munterer 75-jähriger Mann. Er erblickte uns, ging einen Schritt zurück, dann in die Hocke, klatsche sich auf die Beine und schrie plötzlich laut auf:

„Ach, Menschen!“

Aufgrund dieses merkwürdigen Verhaltens gingen wir einen Schritt zurück. Der Unbekannte beachtete uns nicht weiter und fuhr seinen Monolog fort:

„Ach, Menschen, mein Gott, Menschen in Gozdövitza! Meine Güte ….“.Er fasste sich an den Kopf. „Was hat euch hierhin geführt, Leute? Hier kommt niemand hin. Leleeeeee… Seit drei Jahren ist kein Mensch mehr zu uns gekommen.

Unsere Kinder besuchen uns nicht mehr. Der liebe Gott kommt nicht mehr. Wahnsinn, hier sind Menschen! Wartet, wartet, ich bringe den Tisch raus und dann nehmen wir zu uns, was Gott uns gegeben hat!“

Wir stellten uns zwischenzeitlich gegenseitig vor und widersprachen laut: „Nein, nein, nein, Onkel Stoil, wir machen nur ein Paar Fotos und gehen weiter. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Lass den Tisch bitte…“

Unsere Widerrede blieb aber in der Luft hängen, weil Onkel Stoil schnell durch seine Tür verschwand. Weiterhin so dynamisch kam er eine Minute später mit einem länglichen Holztisch zurück und stellte ihn mitten auf die Straße. Natürlich war das früher mal eine Straße – heute bestand sie nur noch aus Steinen und aus von der Sonne verbranntem Unkraut. Er brachte uns mit, was Gott gegeben hatte.

An diesem Morgen gab Gott frische Milch, Bienenhonig … und eine beschlagene kleine Flasche, auf deren Oberfläche Tropfen rollten – voll mit einer feuergoldenen Flüssigkeit. Selbstverständlich selbstgebrannter Schnaps.

„Oh, nein, nein. Wir bitten Dich, Onkel Stoil, das geht nicht! Wir können doch nicht schon am Morgen Alkohol trinken! Wenn wir schon jetzt anfangen, wo soll das nur hinführen …“

Er ließ sich aber nicht davon abbringen: „Ich bitte euch, das ist doch Unsinn. Weißt du eigentlich, wann die Sonne aufgegangen ist? Sie ist schon seit fünf Stunden da oben und hat schon fünf Runden gedreht. Trinkt doch einen mit und macht euch keine Sorgen!“

Wie in einem Märchen von was weiß ich wie vielen Nächten, standen plötzlich um den Tisch herum sechs Holzstühle. Auf dem Tisch standen sechs Becher, die sofort gefüllt wurden. Dann drehte er seinen Kopf zur Seite, spuckte zwischen die Steine, sagte laut: „Prost!“ und trank seinen Becher leer. Der Schnaps gefiel ihm gut und er seufzte, seine feuchten Lippen mit dem Ärmel abwischend, ein zufriedenes: „ Aaaach.“

Wir waren inzwischen etwas tapferer geworden und tranken ein wenig, um den Durst zu löschen.
Eigentlich begann erst hier die wahre Geschichte!

Der erste Schnaps, ach der erste Schnaps …. Der war etwas sehr spezielles, schwer zu erklären. Darüber konnte man Traktate schreiben!

Er war wie die erste Liebe, wie das erste Mal im Meer einzutauchen.
Der erste Schnaps hatte die Eigenschaft, den Knoten zu lockern, der unsere nie zu Ruhe kommende Stadtseelen- und -hirne umringt hatte. Unsere Stadthirne mussten ununterbrochen rechnen, wie viel man bereits verdient hatte, was man verloren hatte und wie viel noch verdient werden musste.

Der erste Schnaps sprengte die Ketten, befreite den Geist. Vertrieb alle Dämonen aus uns, all die Menschen, die es sich in unseren Köpfen bequem gemacht hatten und mit denen wir innerlich dauernd stritten, diejenigen, denen wir immer zeigen wollten, dass wir Recht hatten und die niemals einverstanden waren.

Der erste Schnaps zerfloss wie Olivenöl in den Tracheen, überströmte mit heißen Wellen den ganzen Körper – bis an die Zehen. Ohne es zu merken, waren unsere Becher, obwohl wir eigentlich gar keinen Alkohol trinken wollten, leer und wir verlangten doch noch nach einem zweiten Schnaps. Onkel Stoil schenkte erneut ein.

Ach der zweite Schnaps, der zweite Schnaps…. Er war wie eine Offenbarung! Darüber konnte man Traktate schreiben!

Nach dem zweiten Schnaps entspannte sich der Körper im Stuhl – anfangs noch etwas verlegen, später mit dem ganzen Gewicht. Bis zu diesem Zeitpunkt saßen wir nach vorne gebeugt und verkrampft, jeden Moment bereit aufzuspringen, um irgendeinem Störenfried in die Fresse zu hauen. Oder um jemandem zu beweisen, wie sehr er im Unrecht war, jemanden in der letzten Sekunde vor dem Ziel zu überholen.

Nach dem zweiten Schnaps, ach nach dem zweiten Schnaps löste sich der Knoten, der im Hals steckte, der Körper fühlte sich plötzlich leicht wie eine Feder an. Ich streckte mich aus, renkte die Knochen und atmete tief die Bergluft ein. Ich merkte, wie sich meine Lunge mit der sauberen Luft füllte und das Leben in mir zurückkehrte.

Onkel Stoil fing an etwas zu erzählen– und er konnte wirklich gut erzählen, ach wie er nur erzählen konnte!

Onkel Stoil war wie ein überlaufendes Fass, das nur darauf wartete, dass der Hahn sich öffnete und die Geschichten daraus sprudeln konnten. Er erzählte über Gozdövitza – über die Entstehung des Dorfes und sein Ende, über die Menschen, die ihre Spuren hier überall hinterlassen hatten.

Darüber, wie die jungen Frauen von dem Brunnen Wasser holten, wie die Männer Wein herstellten, wie die Menschen bei Volksfesten vom Dorfzentrum aus bis an den Horizont in einer Reihe tanzten. Darüber, wie damals das Leben brodelte- wie sich die Menschen so langsam in Vögel verwandelten, die den Heimweg zu ihren Nestern vergessen hatten. Und wie letztendlich nur noch sechs Menschen im Ort blieben – vier Muslime und zwei Christen.

Wir hörten zu und doch nicht, nein, wir hörten nicht zu, wir erlebten die Geschichte zusammen mit ihm.

Zwischen nur zwei Schnäpsen floss ein halbes Jahrhundert Geschichte an uns vorbei. Zwischen nur zwei Schnäpsen wurden wir geboren und starben mit ihm.

Zwischen nur zwei Schnäpsen sind Hunderte von Menschen an uns vorbeigegangen. Lächelnde, weinende, verliebte, traurige, glückliche, schlaflose Dorfbewohner. Die Haut mit Narben von Schusswunden bedeckt, in den Seelen Narben von Gewalt. Sie sprachen, lachten, erzählten, klagten, schrien, schimpften, sangen und liefen ohne Halt zu machen, in Gruppen, zu zweit, einzeln.

Plötzlich sprang aus dem Nichts ein zweiter heißblütiger Greis hervor. Er war mittelgroß und trug einen kurzen Mantel mit über den Ellbogen hochgekrempelten Ärmeln. Der ältere Herr mit einem dünnen, aber gut geformten Schnurrbart nickte seltsamerweise nur kühl und ging weiter durch die Hitze.

„Selim“, erklärte Onkel Stoil sofort. „Wie sprechen seit 40 Jahren nicht mehr miteinander.“
„Warum denn das?“, wollten wir wissen. „Ach, das ist eine lange Geschichte, unsere Geschichte …“, erwiderte er.

„Das macht nichts, wir haben es eh nicht eilig“ – merkwürdigerweise wollten wir in der Tat nicht mehr so schnell weg. Die Zeit blieb plötzlich stehen, als ob sie ihren Kopf mit der Faust stützend auf dem Schornstein des Nachbarhauses Halt gemachte habe und erleichtert aufseufzte.

„Vor einer Ewigkeit war es damals so, dass wir beide in Aische verliebt waren. Sie hat sich für mich entschieden und seitdem redet er nicht mehr mit mir. Ach ….“, er spuckte auf die Steine, wischte seinen Mund mit dem Ärmel ab und fuhr fort: „Danach ging das Leben weiter und Aische verließ diese Welt, die Menschen flogen weg, unsere Kinder vergaßen uns….. wir blieben zu sechst hier.

Aber weißt du, was vor drei Jahren geschah? Damals habe ich so etwas wie einen Schlaganfall bekommen – mitten im Winter, in der eisigen Kälte. Selim hat mich in der Nacht durch einen gewaltigen Schneesturm aus Gudövitza gebracht, hat einen Arzt gefunden und mir das Leben gerettet. Als ich wieder gesund war und nach Hause kam, kam Selim zu mir, wir betranken uns, weinten zusammen und vergaben uns. Danach redeten wir wieder einmal nicht miteinander.“

Hier stieß er einen Fluch aus und schenkte den dritten Schnaps ein.

Der dritte Schnaps, ach der dritte Schnaps war ein gestohlener Augenblick der Ewigkeit! Über den dritten Schnaps konnte man Traktate schreiben!

Der dritte Schnaps ähnelte einer Waage. Auf der einen Seite schaukelten leichtsinnig die gute Laune, die ganze Fröhlichkeit, das Gefühl, Berge versetzen zu können und der Wunsch sich auszuziehen und über die Wiese zu rennen. Auf der anderen Seite war es die wie ein Dieb in die Seele schleichende Trauer. Nein, es war nicht genau Trauer, sondern viel mehr die Erinnerung an allen verpassten Chancen, an das Versagen. Ein kaum spürbarer Schmerz, vergleichbar dem Nordwind an einem wunderbaren Maiabend.

Die beiden Seiten der Waage schaukelten und balancierten ambivalent. Genauso wie alles im Magen schaukelte und sich fragte, wie es am schnellsten raus kommen könnte. Genauso schaukelten auch die Häuser, die Schornsteine, die Steine, die Bürgersteige. Genauso wie die Vögel in ihrem ungestörten Flug.

In diesem Moment sahen wir eine ganz kleine, aber sehr ordentlich gekleidete alte Dame, die ein buntes Kopftuch trug. Sie machte winzige Schritte, hatte aber einen schnellen und zielstrebigen Gang. Sie begrüßte uns lächelnd, als sie sich aber dem Tisch näherte, drückte sie mit ihrem Lächeln ein hohes, aber klangvolles „Säufer“ aus, und ging weiter in Richtung Zentrum. „Das ist Fatme“, erklärte Onkel Stoil. „Unsere Telefonistin“. „Du meinst, sie war mal eine Telefonistin“, verbesserten wir ihn. „Nein, sie ist jetzt unsere Telefonistin“, sagte er. „Was für ein Quatsch! Hier lebt ihr doch nur zu sechst, ihr seid doch von allen vergessen worden!“

„Unsinn! Das Telefon ist unsere einzige Verbindung zur Außenwelt. Wir haben es im ehemaligen Rathaus aufbewahrt. Fatme geht jeden Tag, sieben Tage die Woche, zwischen 10 und 14 Uhr dahin und hat Telefondienst. Wer weiß, vielleicht ruft doch noch jemand an ….“

Hier hörte er auf zu reden. Wir verstanden nicht sofort warum. Unsere rau gewordenen Stadtseelen, die gewohnt waren, alles kritisch zu hinterfragen, verstanden nicht warum. Die Stille aber ergriff unsere Körper wie die Rebstöcke die Mauern der Häuser. Plötzlich hörten wir unseren Herzschlag und begriffen. Wir fühlten uns zum Heulen traurig und waren gleichzeitig gerührt, uns wurde auf eine seltsame Art warm, als ob wir eben eine warme Oktoberwiese durchquerten. Wir dachten uns im Stillen, wir werden uns die Nummer aufschreiben und werden anrufen. Vergib uns bitte, Onkel Stoil, wir riefen nie an …

„Was das Schild angeht, hat jeder einmal pro Woche Dienst.“ Mit einer melodischen Stimme und einem breitem Lächeln fing er wieder an zu erzählen. „Was meinst du mit Dienst?“ fragten wir nach. „Ganz einfach. Jeden Sonntag geht einer von uns zum Schild und wäscht es“, erklärte er. „Wie bitte? Ihr wascht das Ortsschild?“, fragten wir erstaunt. „Na klar! Habt ihr denn nicht gesehen, wie blitzblank es ist?“, fragte er stolz. „Ja, ja, haben wir, aber…“, antworteten wir und dieses „aber“ blieb in der Luft hängen, wie eine ganze Menge anderer ausgerutschter Wörter und unausgesprochener Gedanken an diesem merkwürdigen Tag in den Rhodopen am Ende Bulgariens und am Ende der Welt…

„Die Flagge waschen wir aber nur einmal im Monat.“ „Die Flagge?“, wir dachten an dieser Stelle, dass er uns veräppeln wollte.

„Ja, die Flagge, die vor dem ehemaligen Rathaus hängt. Einmal im Monat versammeln wir uns dort feierlich, nehmen die Flagge runter, waschen sie und hängen sie wieder hoch. Es mag schon sein, dass wir am Ende Bulgariens leben, aber wir sind trotzdem Bulgaren – wir sind am Leben.“

Onkel Stoil nutzte aus, dass wir mit seinen Geschichten abgelenkt waren und schenkte uns den vierten Schnaps ein.

Der vierte Schnaps, ach der vierte Schnaps … Er war wie das Tauchen in eiskaltes Wasser, wie ein Sprung in den Abgrund, wie ein schneidender Schrei. Darüber konnte man Traktate schreiben!
Der vierte Schnaps besaß die Eigenschaft, alles durcheinander zu bringen. Er war wie das Nachtläuten einer Glocke, als ob der in den Schläfen pulsierende Wahnsinn einen an die Grenze zwischen Leben und Tod brächte …

Mit dem vierten Schnaps spürte man, wie alle Misserfolge in die Seele eindrangen. Wie blutige Köter zeigten sie ihre Zähne. Alle missglückten Liebschaften lachten wie böse Hexen und zeigten mit dem Finger auf einen. Alle Menschen, die einen verrieten, unterschätzten, vergaßen – und das traurigste noch, diejenigen, die man selbst verriet, all diese Menschen stellten sich links und rechts wie bei einer Militärparade und klatschten mit eisernen Handflächen. Mit dem vierten Schnaps kam der Selbstmitleid und mit ihm begleitend seine wahren Freunde – die Tränen. Sie standen schon ganz am Rande des Auges und waren kurz davor, herunterzukullern, als Stoil uns mit seinem Vorschlag rettete:

„Ich würde sagen, wir gehen durch den Ort und ich erkläre euch alles, zeige euch unsere Flagge …“

Wir liefen ihm zufrieden nach, taumelten ein wenig, aber nur wegen der Hitze – der August war so wahnsinnig heiß, zum Teufel, wie ungewöhnlich heiß es war! Wir gingen an den verfallenen Häusern vorbei, an den zusammengesackten Schafspferchen, an den leeren Hütten. Von Zeit zu Zeit hörten wir Regenpfeifer singen, aus einem Strohhaufen sprang eine verschlafene Katze hervor.

Nein, wir waren nicht mehr traurig, nicht im geringsten mehr betrübt.
Die Harmonie war in uns zurückgekehrt. Wir fühlten uns immer unangreifbarer, immer mehr mit der Natur und den stillen, blinden Häusern vereint.

Wir gingen durch die Glasscherben von den ehemaligen Fenstern und hörten die Stimmen der Menschen, die sie vor langer Zeit eingebaut hatten. Nein, wir waren nicht mehr traurig, weil wir sicher waren, dass sie sich irgendwo über uns freuten und auf uns warteten, damit wir ihnen über ihre Heimat erzählen konnten.

Wir erreichten das Zentrum des Dorfes. Auch hier war alles mit von der Sonne ausgetrocknetem Unkraut überwuchert.
Anschließend erreichten wir das ehemalige Rathaus – und tatsächlich stand dort ein rostiger Fahnenmast, an dessen Spitze die bulgarische Fahne flatterte.

Gleich daneben befand sich ein merkwürdiges Gebäude, welches zwar auch heruntergekommen war, aber in der Substanz noch stabil aussah. Es sah aus, als wäre es eine Gebetsstätte gewesen, allerdings war es schwierig zu erraten, ob es eine Kirche oder eine Moschee gewesen war. Wir fragten nach: „Onkel Stoil, was ist das?“ „Unser Tempel“, antwortete er knapp. „Ja, aber war es eine Kirche oder eine Moschee?“, bohrten wir nach. „Das ist einfach der Tempel.“ Sagte er. „Ja, das sehen wir, aber wer ging zum Gebet dahin? Die Christen oder die Muslime?“

Er schaute uns völlig verwirrt an, konfus, als ob wir ihm eine Frage aus der Quantenphysik gestellt oder zu wenig Schnaps getrunken hätten, schimpfte etwas vor sich hin und antwortete: „Wir alle gehen hierhin beten. Warum sollen wir uns überhaupt trennen?“
So gingen wir hinein. Es war vollkommen leer – keine Ikonen, keine Wandmalereien, keine Kerzen, keine Teppiche, keine Namen und auch keine Motive. Einfach nichts.

Doch, da war Etwas. Da waren Seelen, ganz viele Seelen.
Aus dem Steinboden wuchs Unkraut, durch das ehemalige Fenster kam von oben ein Sonnenstrahl und uns beschlich das Gefühl, dass der liebe Gott irgendwo da oben saß, sein Kinn auf die Faust stützte und mit perlblauen Augen lächelte. Aus unseren Augen tropfte es erneut, wir konnten es nicht unterdrücken. Nein, es war nicht eine Folge des Alkohols, und auch nicht des Staubes… Stoil holte uns zurück in die Realität – zurück zum Tisch, zu der Flasche und seinen magischen Geschichten. In der Zwischenzeit brachte jemand Banitza in einem alten, etwas kaputten Backblech, das mit Zeitungspapier und einer Kochschürze eingewickelt war.

Alle freuten sich, dass wir da waren – die Lebenden und die Toten, die Christen und die Muslime. Stoil packte die Banitza mit seinen groben, sehnigen Händen heraus. Man konnte seine hervorstehenden Venen sehen und seine Knöchel, die beim Brechen der Banitza weiß wurden.

Die Banitza duftete köstlich. Nach selbstgemachtem Teig, nach Zuhause und Gemütlichkeit. Wir aßen. Wir kauten gierig, schluckten die Stücke mit Ayran herunter. Die Gespräche verstummten, nur das Kauen erinnerte noch daran, dass wir lebten und da waren. Wir aßen die Banitza bis zur Hälfte auf und Onkel Stoil schenkte erneut Schnaps ein – den fünften Schnaps!

Der fünfte Schnaps, ach der fünfte Schnaps … Er war die Verbindung zwischen dem Paradies und der Hölle, er war die Wiedergeburt des Lebens, man fand den fehlenden Sinn. Über den fünften Schnaps konnte man Traktate schreiben!

Beim fünften Schnaps mochte man Jeden und Alles. Man hatte den Drang, jedes Lebewesen zu umarmen, ein Unkraut zu streicheln, den Menschen zu erzählen, wie schön das Leben doch ist. Weil das Leben wirklich schön ist… nach dem fünften Schnaps. Die Seele trennte sich vom Körper, erhob sich über das Vergängliche, flog zwischen den Wolken und dem Himmel umher. Man entdeckte das Wichtigste im Leben – die Freude an der grenzenlosen Freiheit.

Man erinnerte sich an das Gefühl beim Fliegen … Und ausgerechnet hier schoss einem eine bescheuerte Frage durch den Kopf, die laut herausrutschte: „Onkel Stoil, streitet ihr euch nicht wegen der Religion?“
„Wie meinst du das?“, fragte er zurück.

„Na, so Christen gegen Muslime. In der ganzen Welt gibt es deswegen Kriege, Menschen sterben andauernd deswegen. Überall versuchen alle, Gott zu trennen und sich gegenseitig zu beweisen, wer der bessere Gott sei.“ Stoil schaute uns erneut so an, als ob wir ihm eine Frage aus der Quantenphysik gestellt oder zu wenig getrunken hätten.
„Bist du verrückt? Warum sollen wir streiten? Was haben wir zu trennen? Weißt du, wie dieses Dorf entstanden ist?“, fragte er.
„Nein, weiß ich nicht“, erwiderte ich.
„Du bist doch ein gebildeter Mann. Warum weißt du es nicht?“, er wurde leicht reizbar. Die Frage schien ihm wehgetan zu haben.
„Ja, ich bin gebildet, aber weiß es trotzdem nicht.“, antwortete ich.

„Ich erzähle es dir. Trink du mal und ich erzähle die Geschichte.“

„Es waren einmal zwei Brüder: Gozdio und Gundio. Sie heirateten und lebten in den zwei Enden des Dorfes. Dann kamen die Türken und die eine Hälfte des Dorfes wurde muslimisch zwangsgetauft, die andere nicht. Also wurde der eine Bruder Moslem, der andere blieb Christ. Sie blieben aber Brüder und halfen sich gegenseitig weiter. So blieben wir auch immer alle zusammen und halfen uns gegenseitig.“
Onkel Stoil trank seinen fünften Schnaps aus. In seinen Augen traten Tränen. Sie waren so klar wie bei einem Kind. Er umhüllte uns mit seinem warmen Blick und zeigte mit der Hand zum Haus. „Wartet mal, ich möchte euch Etwas zeigen.“

Er sprang sehr rasch auf, man fragte sich, wie er nach dem fünften Schnaps so flink sein konnte, und ging durch sein überwuchertes Tor. Plump folgten wir ihm. Sein Hof war auch überwachsen. Die Treppen des Hauses waren zerbröselt und die Treppenstufen zerborsten. Der Weg zwischen dem Haus und dem Mauerzaun hörte plötzlich irgendwo auf, und der Zaun selber war überwuchert von Brombeerpflanzen.
Ein gedankenloser Esel mit einem bis zum Boden hängendem Bäuchlein kam auf uns zu, denn wir kamen auf der anderen Seite wieder heraus.

Das Haus befand sich auf etwas ähnlichem wie einem Hügel. Von dort aus konnte man bis nach Griechenland sehen.
Onkel Stoil hob die Hände über die Augen und schaute in die Ferne.

„Seht ihr das da?“, fragte er.
Damit war ein viereckiges, weißes Stück Erde gemeint, das nach einem Friedhof aussah. Aber warum sollte er uns den Friedhof zeigen?
„Weißt du, was das ist?“, fragte er.
„Woher soll ich das wissen?“, erwiderte ich.
„Das ist der Friedhof“, ergänzte er.
„Der Friedhof? Eurer oder ihrer?“, fragte ich.
„Unserer“, sagte er und malte einen Kreis mit den Händen.
„Ich verstehe, das ist der Friedhof von Gozdövitza“, fuhr ich fort. „Nicht nur“, erklärte er. „Auch von Gudövitza“. „Du meinst, dass dort alle – die Christen und die Muslime – liegen?“, wunderte ich mich. „Genau das wollte ich sagen. Wir haben so wenig Land hier, warum sollten wir es für zwei getrennte Friedhöfe verschwenden? Außerdem sind wir sowieso alle zusammen. Was auch immer wir tun, wohin auch immer wir gehen, am Ende kommen eh alle Wege zusammen.
Wenn ein Christ stirbt, kommt der Priester. Wenn ein Moslem stirbt, kommt der Imam, aber wir gehen alle zur Beerdigung, um den Verstorbenen auf seinem letzten Weg zu begleiten. Die Verstorbenen warten dann auf uns im Himmel.“

In diesem Augenblick hörte ich auf zuzuhören, ich konnte auch nicht mehr denken.
Langsam spürte ich, wie der Kreis sich schloss und ich wieder zu Hause war.

Es war wie ein vollendeter Kreis ohne Anfang und Ende.
Jeder Schritt hatte mich dahin geführt.
Jedes Mal nach dem fünften Schnaps flog meine Seele hierhin und baute sich ein Nest auf irgendeinem , seit Jahren unbenutztem, Schornstein. Die Tränen kamen wie aus einem Brunnen. Es waren süße Tränen.

Ich umarmte Onkel Stoil und wir setzten uns auf eine Wiese … in der blauen durchsichtigen Luft hörte ich sie ganz deutlich – die Stimmen all der ungeborenen Dorfbewohner, all derer, die nie zurückkehrten.

Ich spürte, wie das Gras meine Füße kitzelte. Ich schaute hinunter und es verschlug mir die Sprache – ich hatte eine kurze Hose an!
Mein Gott, die Hose, die ich als Kind immer getragen hatte…. Ich hörte Kinderlachen neben mir. Ich schaute mich um, Stoil war weg.
Stattdessen sah ich einen Dorfjungen mit perlblauen Augen, der lachte und nach mir rief. Der Junge rannte so schnell er konnte zum Friedhof. Ich dachte keine Sekunde nach – ich rannte sofort hinterher.
Ob ich ihn je einholen würde? Mit Sicherheit …

Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times

Tags:

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben