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Über den Großvater, das Backgammon und Fidel Castros Exportware … oder warum die Welt groß ist und Rettung überall lauert

25 September, 2009 von · Keine Kommentare

Viara Jekova

Filming Manojlovic_Ljubek_Komandarev
Foto: Yana Blajeva

Es ist eine wahre Geschichte und trotzdem scheint es ein Märchen zu sein. Nicht die Geschichte an sich ist märchenhaft, sondern ihr Ausgang. Denn ähnliche Geschichten gibt es viele, aber diese hier ist ganz besonders – sie beginnt in der Mitte, kehrt zum Anfang zurück und hat kein Ende.

Die Akteure des Märchens sind ein kleiner Junge, Alex, der eigentlich ein großer Junge ist, sein Großvater, von allen Baj Dan genannt – der gefürchtete Backgammon-Meister, und die Oma, die wochenlang wartet – auf ein Kilo Zucker aus Fidel Castros Reserve … in den dunklen kommunistischen Zeiten eben der Alltag!

Doch die ganze Story ist bei Weitem nicht so einfach. Schauplatz des Geschehens ist ein kleines Dorf in Bulgarien. Die Familie des etwa 7-jährigen Alex wird durch die Umstände des herrschenden Regimes in die Emigration getrieben. In einer abenteuerlichen, gefährlichen Reise durch Jugoslawien und Italien, landen sie schließlich in Deutschland. Die Großeltern bleiben in der Heimat zurück.


Die Welt ist gross und Rettung lauert überall – Trailer

Etwa 20 Jahre später verliert Alex seine Eltern bei einem Autounfall, infolgedessen er an Totalamnesie leidet. Einen Ausweg findet er alleine nicht. Dafür findet der Ausweg ihn. Sein Großvater hat sich auf den Weg von Bulgarien nach Deutschland gemacht, um sein Enkelkind ins Leben zurückzuholen. Die Medizin: ein Tandem, mit dem sie von Leipzig nach Bulgarien radeln.

Regisseur Stephan Komandarev hat sich für seinen neuen Film „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ eine Autobiografie ausgesucht – nach dem gleichnamigen preisgekrönten Roman von Ilija Trojanow hat er eine gefühlsvolle und sehr herzliche Familiensaga gedreht.

Emotional, menschlich und traumhaft realistisch soll das Kino sein, damit der Zuschauer gefesselt bleibt, meint Komandarev. Nachdem er einen Spielfilm und mehrere Dokumentationen auf die Leinwand gebracht hat, findet er mit „Die Welt ist groß …“ die perfekte Kombination dieser beiden Genres. Denn die Geschichte verbindet die Realität mit der Magie einer bemerkenswerten Lebensphilosophie – die des Backgammon-Spielens.

Der Großvater ist der weise Held, der Retter, der „Würfel-Dompteur“, der die Steine des Lebens auf dem Spielbrett wieder zuordnen kann.

Seine Methoden, dem Enkelkind auf der Suche nach seinem Gedächtnis zu helfen, sind nicht grade traditionell – letztendlich greift kaum jemand zum Wanderstock, um einen erwachsenen Mann aus dem Krankenbett zu treiben. So oder so gewinnt er Alex’ Vertrauen wieder und die ungewöhnliche Reise durch halb Europa beginnt.

Meisterhafte schauspielerische Leistung bietet Miki Manojlovic (Baj Dan) in dieser sensiblen aber auch stoischen Rolle. Als packender Emotionsträger der Handlung führt er den Zuschauer durch die Zeit. In der gekonnten Begleitung von Carlo Ljubek (Alex) bilden diese zwei Figuren ein Gespann – das des Meisters und seines Lehrlings. Die historischen Ereignisse rücken in den Hintergrund und lassen viel Platz für die menschlichen Schwächen sowie die magischen Stärken der Helden.

Mal lustig mal traurig, realistisch und traumhaft zugleich handelt das wahre Märchen schließlich von der Suche nach dem eigenen Ich, nach den Familienwurzeln und nach jener Vergangenheit, die der Zukunft einen Sinn geben kann.

Herzwärmendes Kino serviert mit viel Humor und genau so viel Ernsthaftigkeit!

Kategorien: Art Café · Frontpage

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