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Unter Neureichen und Gangstern

26 November, 2010 von · Keine Kommentare


Vladimir Zarev hat mit “Verfall” den großen Wenderoman Bulgariens geschrieben

Martin Ebel

In Westeuropa ist man etwas ungeduldig mit den neuen Europäern aus dem Osten. Warum sind sie nicht dankbarer, warum wollen sie nicht begreifen, was ihnen die “Wende” alles beschert hat? Es sind indes die Westeuropäer, die etwas zu begreifen haben. Denn die “Wende” bescherte den Staaten hinter dem eisernen Vorhang mit den Freuden der Freiheit erst einmal einen Raubkapitalismus schlimmster Ausprägung. Alte Machthaber und neue Banditen konnten die Länder jahrelang ausplündern und märchenhafte Profite einstreichen, gedeckt und gefördert von den Behörden, deren Angehörige selbst die Hand aufhielten.

Wie das in Bulgarien ablief, einem der ärmsten Länder Europas und seit neuestem EU-Mitglied, erzählt Vladimir Zarev in seinem großen Roman “Verfall”. Geschichte, erklärt Zarevs Alter Ego, der Schriftsteller Marti Sestrimski, ist nur begreifbar, wenn sie “durch ein individuelles Leben hindurchgeht”, wenn sie also zur erzählten Geschichte einer Person wird. Im Fall von “Verfall” wird sie zu einer Doppelgeschichte, die der Autor, fast etwas schematisch, kapitelweise abwechseln lässt, nicht chronologisch, sondern vom Ende her in großen Bögen zurückschwenkend, zurück in die ersten Wochen der “Neuen Zeit”, aber auch noch weiter zurück in die Alte.

Die ungeraden Kapitel gelten Marti Sestrimski, dem Ich-Erzähler. Er war in den Zeiten, “als für alles gesorgt war, Strom, Urlaub am Meer und ein Kotelett”, ein leidlich anerkannter Schriftsteller, braver Redakteur einer Literaturzeitschrift mit 24 Angestellten, von denen nur ein Viertel wirklich arbeitet. Nach der Wende landet Marti auf der Straße, versucht sich allerlei Jobs zwischen Werbetexter und Gänsezüchter, natürlich alles vollkommen erfolglos. Deshalb liegt er, während seine Frau Veronika die Familie über Wasser zu halten versucht, in der schäbigen Wohnung im 16. Stock eines Plattenbaus auf dem Sofa, trinkt, bemitleidet sich und bedenkt die neue Gesellschaft mit ausgesuchten Zynismen. Aus seiner Misere könnte ihn nur der Roman “Verfall” befreien, an dem er vom ersten Kapitel an schreibt und mit dessen Vollendung auch das Buch endet, das wir lesen.

Im Zentrum von Martis Roman steht Bojan Tilev, die idealtypische Figur des Neureichen und Prolet-Kapitalisten-Gangsters. Sein Motto: “Wenn etwas mit Geld nicht geht, dann geht es eben mit viel Geld”. Er ist zugleich, in Zarevs Roman, die Parallel- und Gegenfigur zu Marti; ihm gehören die geraden Kapitel. Bojan, im kommunistischen Bulgarien ein kleiner Fotograf im Innenministerium, wird im Zuge des Machtwechsels von einem mysteriösen General als Strohmann für die Verschiebung märchenhafter Vermögenswerte eingesetzt.

Das Stroh wirft der Mann bald ab, arbeitet schnell auf eigene Rechnung, bringt Millionen auf die Seite und sticht sogar den Großmafioso Krassi Dionov aus. Er häuft die Insignien neuen Reichtums an; Leibwächter, teure Autos, und auch die treue Maria, die ihm zwei Töchter geboren hat und ihn mit ihrer Liebe und ihrem zutraulichen Stottern lange binden konnte, wird gegen die rassige Magdalena ausgetauscht.

Eine eigene Gemäldesammlung zeigt, dass es Bojan zu Höherem und Seriöserem treibt. Bevor er aber sein ergaunertes Kapital waschen und ganz auf die aussichtsreichste Branche Tourismus setzen kann, wird er mit einem gigantischen Kokaindeal verführt und gründlich hereingelegt; er verliert alles. Am Ende verlässt Bojan sein Haus, das ihm schon nicht mehr gehört; beim letzten Blick zurück sieht er, wie zwei Ziegen hineinspazieren: Ein emblematisches Bild, das auch von Gabriel Garcia Marquez stammen könnte.

Im Lauf der 500 Seiten hat sich aber längst ein anderer Autorenname aufgedrängt: Honoré de Balzac. Vladimir Zarev ist der Balzac Bulgariens, und zugleich hat er mit “Verfall” für sein Land jenen Wenderoman geschrieben, den das deutsche Feuilleton bis heute vergeblich einklagt. Tatsächlich ist Zarevs Buch allem Vergleichbaren bei uns überlegen, von Günter Grass’ “Weitem Feld” bis zu Ingo Schulzes “Neue Leben”.

Der Clou des Buches ist die Doppelperspektive. “Verfall” ist der Roman des von Kapitalismusmonsterwellen überspülten Bulgarien, aber nicht aus allwissender Vogelperspektive, sondern gesehen einerseits von einem Surfer, der eine Weile mithalten kann, dann aber doch untergeht, und einem, der gewissermaßen mit der Taucherbrille das Ganze von unten betrachtet; beider Sicht ist nicht “objektiv”, sondern von ihrer Situation und ihren Interessen geprägt, aber gerade deshalb scharf und prägnant. Zusammen ergeben sie mehr, als jedes Geschichtsbuch leistet.

Zarev ist ein Vollblutepiker, von keiner (post)modernistischen Skepsis angekränkelt. Er schlägt mit der Pranke des Löwen zu, handhabt aber auch das Skalpell mit Grazie. Das heißt: Er ist groß im Großen und im Kleinen, verdichtet und vergrößert, fischt aber auch aus dem Gewusel des Geschehens die entscheidende Szene, das sprechendste Detail heraus.

An Balzac erinnert auch die Großzügigkeit, mit der Zarev seinen kreativen Reichtum kühn verschleudert. Seine Haupt- wie die Nebenfiguren schillern in allen Farben; der größte Gauner hat auch eine sympathische Seite, selbst der ch-Erzähler stößt den Leser ebenso ab, wie er ihn anzieht. Macho-Sprüche und Männerfantasien durchziehen den Roman, weil die beiden Hauptfiguren nun einmal so sind; aber der Autor ist nicht so, denn die Frauen sind bei ihm nicht nur, wie im wahren Leben, die besseren Menschen, sondern auch die stärkeren und klügeren (auch wenn es ihnen nichts nützt).

Ein paar Schwächen hat “Verfall” schon, aber auch das hat er mit Balzac gemein. Es ist ein melancholisches Buch, ein pessimistisches Buch. Bestimmend und all dies überwiegend ist aber seine Vitalität. “Das Leben”, heißt es einmal, “schlägt Dir die Zähne ein oder haut Dir in die Magengrube”. Es kommt aber darauf an, auszuspucken, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Für Marti, Bojan und Bulgarien.
Berliner Zeitung, 09.08.2007

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/feuilleton/676473.html

Kategorien: Art Café · Frontpage

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