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Villy Nikolov: „Das Märchen sollte auch hier und jetzt geschehen …“

22 Januar, 2009 von · Keine Kommentare

Ein Interview von Rossitza Yotkovska mit dem Maler Villy Nikolov

Übersetzung: Rossitza Yotkovska

Villi Nikolov

Ein farbenfroher Wirbel aus märchenhaften Mädchen mit goldenen Zöpfen und basilikumfarbenen Wimpern, aus schaukelnden Schafglocken, die mit dem Südwind singen … Hier entdecken unsere Augen das Wunder des Sakraments, unser Herz zuckt bei der Erinnerung an die Morgensanftheit zusammen, wir nehmen mit innigem Lächeln am Fest teil, wir sind vom ahlenscharfen Schnurrbart des schelmischen Burschen, der das lachende Mädel mit seinem Blick verschlingt, bestürzt.

Silbrige Spritzer lebendigen Wassers funkeln in den Gemälden, schüchterne Katzen kauern hinter den Schornsteinen, ein verdutzter Fisch starrt seltsam mit seinem dunklen Auge, und aus den Holzflöten klingen zauberhafte Klänge herüber.

Der Stil von Villy Nikolov ist bewundernswert wieder erkennbar, seine Gemälde – ätherisch leicht, zärtlich bewegend und gleichzeitig durch ein offenherziges Zwinkern provozierend – schenken Freude, ziehen an und fordern heraus.

Kapka Osvald

Die farben- und lebensfrohe Welt in den Bildern des Malers Villy Nikolov gibt uns die Möglichkeit, nicht nur die Atmosphäre der in eine neue Originalität verwandelte bulgarischen Folklore zu erleben, sondern auch die Frische und die Reinheit einer märchenhaften Rückkehr in die Kindheit – in den Raum, wo das Universum noch so schön überschaubar und zugleich geheimnisvoll ist, wo die Gegenstände lebendig werden und die Menschen lächeln. Diese Magie seiner Werke provozierte uns, ein Treffen mit dem Maler zu arrangieren.

Villi Nikolov

Für manche Künstler ist die Kunst eine Art Selbstreinigung, für andere – eine Möglichkeit, vor sich selbst zu fliehen oder die sie umgebende Welt zu erkennen, für Dritte – das Verborgene in sich zu finden, dessen sie sich noch nicht bewusst sind. Was bedeutet das Schaffen für Sie?

Ich würde nicht vor mir selbst fliehen, ich mag die Atmosphäre meines Ateliers und die unzähligen Farbspritzer an mir, ich würde diese Atmosphäre auch mit anderen Menschen teilen. Das Schaffen ist für mich ein Vergnügen, eine Form der Kommunikation, des Suchens und Findens. Ich beobachte die Welt um mich, füge etwas hinzu oder entferne manch anderes.

Mir ist bewusst geworden, worin das Wesen meines Schaffens besteht, und ich bemühe mich, jedes Mal besser zu sein. Meine sprachlose Selbstäußerung unterliegt einer Entwicklung und Vervollkommnung. Ich würde niemals aufhören, vorwärts zu schreiten.

Villi Nikolov

Was ist das Wichtigste in der Entwicklung eines Künstlers?

Ich bin noch auf der Suche nach dem, was für einen Künstler am wichtigsten ist. Immer, wenn mir scheint, dass ich etwas erreicht habe, einen Gipfel erklommen habe, sehe ich von dort aus einen noch höheren Gipfel. Und die Ersteigung beginnt erneut.

Es scheint mir heutzutage sehr wichtig für einen Künstler, wenn er über sich hinauswächst und zu einer Persönlichkeit wird, ohne das Kindhafte und Spontane in sich zu verlieren.

Villi Nikolov

Wie entsteht ein Gemälde bei Ihnen?

Am häufigsten nach interessanten Reisen oder nach Zusammentreffen mit interessanten Menschen; es entsteht dann eine Idee, ich denke daran, zeichne verworrene Skizzen und Details und irgendwann setze ich mich vor die Leinwand und beginne.

Ich finde es hilfreich, wenn im Laufe der Arbeit kritische Meinungen geäußert werden. In solchen Fällen gelingt es mir dann, Augenblicke einzufangen, die mir bisher entgangen sind. Die Gemälde, die unmittelbar nach einem ausgesprochenen Wort entstanden sind, gehören zu meinen Lieblingswerken.

Villi Nikolov

Wie möchten Sie, dass Ihre Bilder angenommen werden?

Mit Freude, Neugier und Liebe. Ich bin glücklich, wenn man meine Bilder schweigsam und mit einem Lächeln betrachtet, denn dieses Schweigen sagt mir viel.

Ich würde hinzufügen: Die Wahrnehmung ist so subjektiv. Lassen wir die Menschen schauen und genießen.

Villi Nikolov

Wo ist die Grenze zwischen der tiefgreifenden Botschaft und dem Scherz, zwischen dem Dekorativen und dem Vielschichtigen, zwischen der naivistischen Einfalt und der verschleierten Weisheit? In welchem Augenblick hört das Märchen auf, Märchen zu sein und verwandelt sich in ein Lebenskredo?

Es hängt von der Idee, von der Stimmung ab. Manche Bilder tragen Wahrheiten und Botschaften, andere nur den Scherz. Indem ich dekorativ, scherzhaft, naivistisch male, prüfe ich das Publikum, ob es die Tiefe des Werkes erfassen kann, ob es den Kontrast zwischen der alten Weisheit, den großmütterlichen Bräuchen und dem kindlichen Kolorit spürt.

Ich mag die Grenzen nicht.

Villi Nikolov

Worin sehen Sie den Unterschied zwischen dem Künstler und den anderen Menschen?

Der Künstler kann auch allein mit sich selbst glücklich sein. Der Künstler erschafft sich eine eigene Welt, einen Teil davon gestaltet er neu, einen anderen bewahrt er für sich.

Aber, wenn ich darüber nachdenke: Jeder Mensch könnte schöpferisch tätig werden, unabhängig davon, ob er zu den anerkannten und berühmten Künstlern gehört. Das reiche Gemütsleben, die Hingabe, die für die Künstler charakteristisch sind, findet man auch in anderen Berufen.

Auf diese Frage würde ich am treffendsten mit der Frage antworten: Warum sollen wir einen Unterschied suchen?

Villi Nikolov

Was für Bilder sind es, in denen Sie Ihr eigenes Ich am besten zum Ausdruck bringen?

Ich mag die vielstimmigen Bilder mit einer Fülle von Details, die aber von einer Idee getragen werden.
Ich strebe danach, etwas Neues auch für mich selbst zu finden, etwas Unvollendetes, es muss eine Geschichte, ein Märchen da sein.

Die farbenfrohen, unausgesprochenen Dinge rufen Neugier und Fragen hervor. Ich mag es, geheimnisvoll zu erscheinen.

Villi Nikolov

Zu welchen Themen werden Sie immer wieder zurückkehren?

Die bulgarische Lebensweise, das Dorf und die Bräuche aus der Vergangenheit. Der Meeresboden ist ein Thema, zu dem ich regelmäßig zurückkehre. Die Märchen: die klassischen, die fantastischen, die romantischen – und meine eigenen. Das ist ein unübersehbares Gebiet, das ich nur berühren kann.

Villi Nikolov

Der größte Teil Ihrer Bilder ist eine traumhaft schöne Vielfalt an reinen Farben, darin ist die Lebensweise des Volkes nur in ihrer idyllischen Dekorativform dargestellt. Bedeutet das, dass Sie auch außerhalb der Kunst die Tonalität Ihres Lebens so gestalten?

Ja, wie ich die Farbskala und das Genre in einem Bild wähle, so wähle ich auch den Verlauf meines Lebens außerhalb des Ateliers – ob die Realität nun bunt und voller Spaß ist oder weise und voller Botschaften, stilvoll und monochrom.

Villi Nikolov

Gelingt es Ihnen, die Welt auch außerhalb Ihrer Bilder so zu verwandeln, dass sie als eine gemütliche, kindhaft offene und lichte Welt erscheint?

Ich versuche es. Wenn es mir nicht gelingt, male ich schnell ein “idyllisches”, lichtes und reines Bild; die Erinnerung daran kann mir im wirklichen Leben nützlich sein.

Villi Nikolov

Die meisten Ihrer Gemälde sind im Ethno-Stil, sie führen in eine fast vergessene Vergangenheit, ins Märchen. Lebt darin irgendwie das Aktuelle, das, was hier und jetzt geschieht?

Das Märchen sollte auch hier und jetzt geschehen, das hängt von uns selbst ab, von unserer Einsicht, was schön und weise ist, ohne alt zu sein.

Villi Nikolov

Wie sehen Sie die Kunst der Zukunft?

Als Botschaft und Erziehung. Als Kommunikationsart.

Villi Nikolov

In Kürze:

1976 Geboren in St. Sofia, Bulgarien;
1994 Abschluss der Nationalen Schule für bildende Künste “Akad. Ilia Petrov”;
1999 Teilnahme am Pleinair in Didimoticho (Griechenland)
2001 Abschluss der Nationalen Akademie für bildende Künste “Nikolai Pavlovich”;
2001 Spezialausbildung in moderner Kunst in St. Cuenca (Spanien).

Ausstellungen

1997 – 2005 Nationaler Kulturpalast, Sofia (Bulgarien);
1998 Agentur Sofia Press, Sofia (Bulgarien);
1999 Allgemeine Ausstellung, Didimoticho (Griechenland);
2001 Selbstständige Ausstellungen in Cuenca und Madrid (Spanien);
2001 Kulturheim Krasno Selo, Sofia (Bulgarien);
2004 Selbstständige Ausstellung, Business Park Sofia, Sofia (Bulgarien);
2005 “Feuergewalt”, Privatausstellung, Sofia (Bulgarien);
2008 “Für die Frauen unserer Liebe.”, allgemeine Ausstellung, Galerie VAPROSI, Sofia (Bulgarien);
2008 “Mädel und Glocken”, selbstständige Ausstellung, Galerie TEA, Sofia (Bulgarien);
2008 “Kunstsynthese”, selbstständige Ausstellung und Konzert der Masterklasse im Opernsingen, Verband der bulgarischen Komponisten, Sofia (Bulgarien);
2008 Eröffnung des Arttreffens von Public Republic, allgemeine Ausstellung, Kinohaus, Sofia (Bulgarien).

Villy Nikolov arbeitet im Gebiet der Grafik, Malerei (Öl, Tempera, Aquarell, Pastell), Illustration und Zeichnung.

Kategorien: Frontpage · Szene

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