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Violina VI Teil

26 Oktober, 2010 von · Keine Kommentare

Eine Novelle von Evelina Lambreva Jecker

Fortsetzung

violine
Foto: ausblonde

Ursula und Thomas waren eher schweigsame, in sich gekehrte Menschen. Wenn sie abends müde von der Arbeit nach Hause kamen, schlangen sie eilig ihr Essen hinunter. Im Privatleben herrschte zwischen ihnen eine dumpfe Stille. Versuchte Ursula mit ihrem Mann über ein beliebiges Thema ins Gespräch zu kommen, hörte ich ihn häufig zu ihr sagen: ‹Ach, was hast du denn schon wieder? Was interessiert dich das?› Bei Thomas hatte ich bereits am Anfang ein zwiespältiges Gefühl.

Irgendwie passte sein Engelsgesicht mit den dunkelblonden Locken und den blauen Augen nicht zu seiner sarkastischen Wesensart im Alltag, die seine Kollegen zu ihm auf Distanz gehen liess. Andererseits schenkte er bei der Arbeit einer Cellistin verstohlen schmachtende Blicke, wenn diese während der Proben einladend die Beine auseinander spreizte.

Meistens setzte sich Ursula am Feierabend in ihrem Büro sogleich vor ihren Computer und begann, in virtuelle Räume zu entfliehen und buchstäblich darin herumzufliegen. Und diese schienen von Tag zu Tag mehr zu bieten, immer noch spannendere und noch exzentrischere Dinge. Thomas hatte derweil auf dem Sofa vor dem Fernseher seine Zeitung bereits fallengelassen, war eingeschlafen und schnarchte in unterschiedlichen Tonlagen vor sich hin.

Da ich in Ursulas Büro meinen Platz auf einem Regal links vor dem Computer hatte, wo ich für sie stets griffbereit zum Üben lag, konnte ich alles beobachten, was sich im Raum abspielte. Eines Abends bekam ich mit, wie Ursula, als sie wild herumsurfte, einen interessanten Chatroom entdeckte.

Dort – so schien es mir – unterhielten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen über allerlei Wichtiges und weniger Wichtiges, zogen sich gegenseitig mit Spässen auf, erzählten sich die aktuellsten Witze. Es mussten ganz unterschiedliche Leute dabei sein, jedenfalls stellten sie sich als Computerspezialisten, Ärzte, Ingenieure, Dichter, Bankiers, Sekretärinnen, Hoteladministratorinnen, Chauffeure und Angestellte aller Art vor.

Offenbar gab es unter ihnen auch Menschen, die den Job verloren hatten und im Chatroom irgendwie Trost suchten – das hörte ich Ursula Thomas erzählen, als er sie eines Tages fragte, warum sie eigentlich bis spät in die Nacht am Computer hocke und wem sie da schreibe.

Inzwischen begab sich Ursula ausnahmslos jeden freien Abend in den Chatroom. Ich bekam den Eindruck, dass sie sich sogar extra beeilte, nach der Arbeit nach Hause zu kommen, um sich aus der monotonen Langeweile des gleichförmigen Alltags auszuklinken und raschmöglichst in eine virtuelle Welt einzutauchen. So einsilbig Ursula im realen Leben war, so locker und mitteilsam gab sie sich im Chatroom.

Ich war mehr als verblüfft zu beobachten, mit welcher Geschwindigkeit sie immer längere Postings in die Tasten hämmerte und abschickte. Anscheinend war da jemand in diesem Chatroom, der sie ungeheuer faszinierte. Und je später die Nacht, desto mehr schien sie vor dem PC aufzublühen. Ungestüm und leidenschaftlich flogen ihre Finger über die Tastatur – und alles andere um sie herum schien vergessen.

Dieser Jemand erschien bald in Ursulas Skype und eines Tages via Webcam auch auf ihrem Bildschirm. Der Mann, mit Nickname Kater, schien etwas jünger zu sein als Ursula und hatte sich als Bankier vorgestellt. Er war in der Tat ein Schönling mit einer überaus selbstsicheren bis arroganten Ausstrahlung. Ich vermutete, dass Ursula auch auf seinem Bildschirm erschien, denn beide unterhielten sich immer häufiger und länger via Skype-Mikrofone, ganz so, als kennten sie sich schon ewig. Thomas schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer und hörte entweder nichts – oder wollte nichts hören.

Bei einem ihrer nächtlichen Gespräche vernahm ich, wie Ursula dem Kater erzählte, dass sie eigentlich nie hatte Musikerin werden wollen. Als ihre Mutter und ihre Tante verwitweten, hätten die beiden entschieden, dass sie, ihre Schwester und ihr Cousin unbedingt die unvollendeten Pfade ihrer Väter, beide aus Musikerfamilien, fortsetzen sollten. Während ihr Cousin dann tatsächlich nur für die Musik gelebt habe, hätte sie, Ursula, niemals gewagt, ihre Mutter zu enttäuschen und habe am Konservatorium ein Geigenstudium absolviert.

Eigentlich wäre es ihr Wunsch gewesen, eine erfolgreiche Ökonomin zu werden, und ihr Traum, sich eines Tages als selbständige Immobilienmaklerin zu etablieren. Zu ihrem Mann lebe sie schon lange auf Distanz und in fortschreitender Entfremdung, da er sich ohne jeden Wagemut schnell mit den Gegebenheiten des Lebens abfinde. Sie indessen brauche stets neue Herausforderungen, die ihr die Musik schon lange nicht mehr bieten könne. Der Kater sagte ihr, er lebe von seiner Ehefrau getrennt, und die Scheidung sei nur noch eine lästige Formalität.

Weitere Details über sich erzählte er nicht, begann stattdessen, Ursula systematisch mit blumigen Liebeserklärungen zu bezirzen, malte Bilder von einer überaus attraktiven gemeinsamen Zukunft, in der sie, wenn sie es nur wolle, Wirtschaft studieren und danach ihren Traum, Immobilienhändlerin zu werden, doch noch werde erfüllen können. Er hege keine Zweifel, dass sie erfolgreich sein werde, denn er spüre wie mit ‹unsichtbaren Antennen› ihre Fähigkeiten auf dem Gebiet der Ökonomie.

Während sie sich unterhielten, wiederholte der Kater mindestens sieben Mal, dass er sie liebe und an sie glaube. Nach den Gesprächen mit dem Kater streckte sich Ursula wohlig auf ihrem PC-Stuhl aus und begann sanft ihre Brüste, ihren Bauch, ihre Hüf-ten zu streicheln.

In einem ihrer virtuellen Rendezvous wünschte der Kater, dass sie ihm vor der Webcam ihre Brüste zeige. Ursula tat es. In den nächsten Nächten entblösste sie mehr und mehr von sich und verlangte von ihrem virtuellen Liebhaber das Gleiche. Sie begannen nun, sich vor der Kamera gleichzeitig selbst zu streicheln, damit der andere miterleben konnte, wie sie schliesslich voreinander in gedämpfte Ekstase gerieten. Mit ihren Kopfhörern, Mikrophonen und Kameras kamen sie mir vor wie Ausserirdische.

Eines Nachts war Thomas offenbar wach geworden. Vermutlich hatte er irgendwie gespürt, dass im Büro seiner Frau Seltsames vorging. Er hatte sich leise vom Wohnzimmer über die Terrasse vor die Glastür ihres Büros geschlichen. Unvermittelt stürzte er herein unter einem Regen von Glassplittern. Blutend und mit zerfetzten Kleidern ging er auf seine halbnackte, mit geöffneten Beinen vor der Webcam sitzende Frau zu.
‹Ursula, was soll das?! Was machst du da? Sag mal, spinnst du?!› Auf Ursulas Kopf hagelten Fäuste nieder. ‹Ich bringe dich um, du primitive Sau!›, brüllte Thomas ausser sich und drosch blindwütig auf ihren Körper ein. ‹Jetzt bringe ich dich um. Du verdienst nicht zu leben!› Ursula schrie nach Leibeskräften um Hilfe.

Der Kater – er hatte wohl gehört und gesehen, was sich im Heim seiner virtuellen Geliebten abspielte – verschwand sofort vom Bild. Im nächsten Augenblick riss Thomas den Bildschirm vom Tisch und schmiss ihn mit voller Wucht auf den Boden. In den Nachbarwohnungen vis-à-vis flammten kurz die Lichter auf und wurden nach wenigen Sekunden wieder gelöscht. Niemand kam zu Hilfe, einmischen wollte sich niemand.

‹Lass mich los! Bitte, lass mich los! … Ich verschwinde sofort von hier, schau… Ich geh ja schon …› Wankend schmiss Ursula einige Kleidungsstücke, die gerade in Griffnähe lagen, in zwei Reisetaschen. Mit zitternden Händen legte sie mich in meinen schwarzen Geigenkasten und rief ein Taxi an. Thomas stand da wie betäubt, ebenso schockiert über seinen eigenen Wutausbruch wie auch perplex über Ursulas völlig unerwartete Reaktion.

‹Ich fliege nach London zu meiner Schwester! Sag morgen bei der Probe, ich sei an Grippe erkrankt und käme nach dem Wochenende wieder.› Ursula hob den Kopf, biss sich leicht auf die angeschwollene Lippe, klappte den Geigenkasten zu und eilte mit ihrem Gepäck zum Taxi, das mit laufendem Motor wartete.

Der Taxifahrer verstaute Ursulas Reisetaschen im Kofferraum. Mich hatte er in der Dunkelheit gar nicht bemerkt, da Ursula mich auf den Boden vor den Rücksitz gelegt hatte, während er mit den Reisetaschen beschäftigt war. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz, und das Taxi fuhr los.

Nach einer halben Stunde kamen wir am Flughafen an. Ursula bezahlte, und der Taxifahrer brachte ihre Reisetaschen zum Flughafeneingang. Ursula war vollauf damit beschäftigt, ihrer Schwester übers Handy zu berichten, was sich gerade zugetragen hatte und dass sie morgens schon früh bei ihr in London ankomme… und liess mich im Taxi liegen. Der Taxifahrer hatte Feierabend und fuhr nach Hause. Er ahnte noch immer nichts von meiner Anwesenheit.»

«Diese Frau hat dich einfach im Taxi vergessen?!», fragte der Wind irritiert und ereiferte sich. «Ich glaube, sie wollte dich loswerden. Sie scheint dich wirklich gehasst zu haben! Du hast ja die Musik verkörpert, die ihr aufgezwungen wurde! Aber was ist denn nachher mit dir passiert?»

«Am nächsten Tag fand mich Jörg – so hiess der Taxifahrer – in seinem Auto. Er war ein Mann, der sich für Fussball und Eishockey interessierte, leidenschaftlich gerne angelte und etwas von Fisch, Bier, Frauen und Autos verstehen mochte, jedoch nichts von Geigen. Kunst sagte ihm wohl nichts und er dürfte noch nie im Konzert oder in der Oper gewesen sein.

Deshalb wohl hielt er mich, als er mich aus meinem Geigenkasten herausholte, ähnlich wie eine Gitarre und begann linkisch an meinen Saiten herum zu zupfen. Seine Ehefrau Sabine, ein schmächtiges blondes Wesen mit piepsiger Stimme und unruhigen Augen, kam verwundert näher und fragte:

‹Hey, wo hast du denn diese Geige her? Hast du etwa vor, Geige spielen zu lernen?›

‹Irgendein Kunde, den ich gestern gefahren habe, muss sie unter dem Rücksitz lie-gen gelassen haben. Schau, hier drin auf der Etikette steht etwas Italienisches und die Zahl 1738. Mensch, ist das ein altes Ding! Da hat vermutlich jemand eine neue Geige gekauft, war zu faul, die alte dort zu entsorgen, wo sie hingehört und liess sie einfach in meinem Taxi liegen. Oder vielleicht hat sie doch jemand vergessen und vermisst sie nun. Jetzt warten wir mal ab, ob sie jemand sucht›, entschied Jörg.

‹Du, wenn niemand sie sucht, können wir damit Pepe eine Freude machen, wenn wir nächste Woche ins Tessin fahren.› Sabine schaute ihren Mann verschmitzt an.
‹Das ist eine ganz tolle Idee, und die Überraschung für Pepe wäre perfekt!›, lachte Jörg.
Ursula meldete sich nicht. Als die Ferien für Sabine und Jörg nahten, wurde ich des-halb zusammen mit anderem Gepäck in den Wohnwagen geladen, und wir verreisten in die Südschweiz.

Als ich den Lago Maggiore – nach mehr als zweihundert Jahren – wieder sah, fuhr ein Schaudern durch meine Saiten. Da lag er wieder und schimmerte in der Sommerhitze wie eine Träne in den Handflächen der Alpen. Sein Ufer, umsäumt von Palmen, Zypressen, Rhododendren, vielfarbigen Kamelien, Bambusstauden und Trauerweiden lockte mit der Romantik des Südens Menschen aus aller Welt an.

Jeder kam hierher, wie er gerade wollte: mit dem Auto, Wohnwagen, Motorrad, Velo, Bus, mit der Bahn, dem Schiff oder auch per Flugzeug auf dem nahe gelegenen Flughafen. Alle kamen hierher, um ein paar Züge Freiheit zu geniessen, eine Oase zu finden inmitten monatelanger zermürbender Arbeitsalltage. Ob in einem der wie weisse Pilze verstreuten kleinen Hotels, ob auf dem Campingplatz – hier herrschte überall Fröhlichkeit und unbeschwerte Lebenslust.»

«Oh, das ist wirklich ein Wunder, nach mehr als zweieinhalb Jahrhunderten einer vertrauten Umgebung wieder zu begegnen! Es hat einerseits so etwas Irdisches und Natürliches, andererseits etwas zeitübergreifend Kosmisches an sich… Ich kenne dieses Erleben aus meinem ewigen Herumreisen.» Der Wind sprang freudig auf. «Aber warum konntest du nicht dort bleiben, und wie kam es, dass du am Schluss hier auf einem Müllhaufen gelandet bist?»

«Ich erfuhr, dass Sabine und Jörg es über alles liebten, ihre Sommerferien auf einem Campingplatz am Lago Maggiore zu verbringen», erzählte die Geige. «Jörg konnte angeln, Sabine sonnte sich auf dem Liegestuhl oder spazierte stundenlang mit dem Hund durch die einzigartige südliche Landschaft. Am Abend setzten sie sich zu einer fröhlichen Runde mit den Leuten aus den benachbarten Wohnwagen zusammen.

Die meisten von ihnen hatten wie Sabine und Jörg ihren Standplatz für mehrere Jahre gemietet, und so traf man sich Jahr für Jahr wieder. Ganz in der Nähe befand sich ein kleines, charmantes Hotel mit einer äusserst beliebten, gemütlichen Bar. Sabine und Jörg waren inzwischen mit den Besitzern des Hotels ‹Sonnentraum› befreundet, besonders mit Giuseppe, dem einen von ihnen.

Das ‹Sonnentraum› war mit Möbeln im Stil des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts eingerichtet. Die Wände den Korridoren entlang waren von Stofftapeten mit goldenen, roten und weissen Streifen überzogen, auf welchen kunterbunt kleine schwarze Blätter verstreut waren.

Am Anfang und am Ende eines jeden Korridors standen zwei antike Sessel und zwischen ihnen entweder ein Phonograph, eine Drehorgel, ein kleines Cembalo oder ein Tischchen mit einer alten Uhr, daneben eine in Leder gefasste Bibel. In den Ecken stand in schlanken Vasen aus dunklem Rauchglas je eine grosse, goldbronzen bemalte künstliche Rose.

Der eindrücklichste Raum dieses Hotels war zweifellos die Nähmaschinenbar. Ihre Einrichtung war einem kunstvoll ausgestatteten altertümlichen Nähatelier nachempfunden. Als Bartischchen dienten originale ehemalige Nähmaschinenpültchen. Die Nähmaschinen, manche von ihnen wohl fast Altersgenossinnen von mir, waren in breiten Wandnischen aufgestellt. Um sie herum lagen alte Scheren, Fingerhüte, Na-delkissen und Fadenspulen.

In weiteren Nischen waren antike Kohlebügeleisen und angegilbte Fotografien zu bewundern. Rote Lämpchen aus künstlichen, mit Kristall-ornamenten verzierten Kerzenhaltern züngelten wie Kerzenflammen. Gleich anonymen Mannequins standen den kalkweissen Wänden entlang aufgereiht rote und schwarze gesichtlose Schneiderpuppen in verschiedenen Grössen.

Jörg und Sabine übergaben mich Giuseppe, als sie eines Abends mit ein paar anderen Familien zusammen die Bar besuchten. Giuseppe, obwohl leicht beschwipst, nahm mich sachte in die Hände, wie man ein sehr wertvolles Geschenk empfängt, umarmte Jörg und Sabine mit leuchtenden, leicht feuchten Augen und rief aus:

‹Ach, was habe ich doch für Freunde! Ein so kostbares Geschenk habe ich in mei-nem Leben nicht bekommen. Und die Violine ist erst noch wie ich aus italienischem Holz geschnitzt. Grazie mille, amici!›

Giuseppe spielte auf mir die ganze Nacht heitere und nostalgische italienische Weisen, und die Barbesucher stimmten feuchtfröhlich in die Lieder ein – bis zum Morgengrauen. Ich war ergriffen von der Einfachheit der Melodien und mitgerissen von ihrem Rhythmus.
Giuseppe war eine eigenartige Erscheinung.

Er war hochgewachsen und dürr wie eine Bohnenstange. Bis zum Kreuz fallendes, langes Haar umrahmte sein Gesicht und verlieh ihm den Ausdruck eines Indianerhäuptlings – wenn es dafür auch etwas zu blass war. Er kam aus Italien und habe – so erfuhr ich nach und nach – am Konservatorium in Paris einige Semester Geige studiert. Dann hatte er seinen Freund Paolo aus dem Tessin kennengelernt, sein Studium abgebrochen und zusammen mit Paolo das Hotel ‹Sonnentraum› am Lago Maggiore eröffnet.

Paolo wirkte wie eine stille Sonne im Hintergrund. Obwohl er wenig sagte und sich an der Theke vorwiegend um das Geschirr kümmerte, war seine Anwesenheit durch sein strahlendes, gastfreundliches Lächeln immer spürbar.

Ich wurde nun Teil von Giuseppes und Paolos Leben und vom Leben in der Bar. Giuseppe spielte auf mir die unterschiedlichsten Musikarten und alle mit unendlicher Leichtigkeit: Jazz, Countrymusic, französische Chansons, italienische Romanzen, Klassik – je nach Herkunft und Vorlieben der Bargäste. Paolo begleitete ihn auf dem schwarzen Klavier, das auf einem kleinen Podium in der Nähe der Eingangstür zur Bar aufgestellt war.

Am Tag öffnete die Bar ihre Glaswand zum Garten hin und wurde zum Bistro. Gäste, die Rückzug und Kühle suchten, liessen sich im halbdunklen Raum inmitten der Nähmaschinen nieder. Wer von der Sonne nie genug kriegen konnte, sass im Garten neben dem Weiher mit den Wasserlilien. Man lauschte den Neckereien der Frösche oder beobachtete ein verliebtes Wildentenpaar, das zwischen wie hundert kleine Sonnen geöffneten weissen Wasserlilienblüten kuschelte, sich dann unvermittelt mit Gekreisch zwischen den Palmen und den baumhohen Bambusgewächsen in die Lüfte erhob.

Tagsüber, wenn Giuseppe und Paolo nicht musizierten, lag ich an meinem speziellen Platz auf dem schwarzen Klavier. Von meinem aufgeklappten Geigenkasten aus konnte ich, soviel ich wollte, die Tagesbesucher der Bistro-Bar beobachten und hören, was sie sich zu erzählen hatten. Hier kamen ganz unterschiedliche und aussergewöhnliche Menschen zusammen.

Überwanden sie ihre anfängliche Scheu und sprachen sie ihren unbekannten Tischnachbarn an, stellte sich nicht selten heraus, wie rund und klein die Welt doch war: Plötzlich stiessen die Leute auf gemeinsame Bekannte, wohnten, ohne es geahnt zu haben, zu Hause fast Tür an Tür, oder stellten identische Vorlieben und gleiche Sorgen fest. Die Atmosphäre dieses Ortes war so eindrücklich und kreativ, dass sie zum Nachdenken, zu ungeahnten Inspirationen und Offenbarungen förmlich anregte.

Deshalb wunderte ich mich keineswegs, als ich eines Tages bemerkte, dass regelmässig auch eine Dichterin hierher kam, um bei ihrem Nachmittagskaffee Gedichte zu schreiben. Sie sass schweigend, in sich ge-kehrt und schrieb, hob nur gelegentlich den Blick von den Notizen in ihrem Heft. Dann erinnerten ihre Augen an unergründliche dunkle Quellen, aus welchen mal Helligkeit und Wärme, mal Nachdenklichkeit und gar Trauer strömten.

Zur gleichen Zeit kehrte auch eine Dame zum Nachmittagskaffee ein, deren schwarzes Haar in grossen künstlichen Locken vom Hinterkopf hinunterwallte und an eine Perücke erinnerte. Sie blickte mit neugierigen Augen um sich, und die perfekt bemalten Lippen ihres Karpfenmundes zogen sich eigenartig hinunter, wann immer sie lächelte. Die Frau beobachtete alles ausgiebig und prüfend, als käme sie selbst von einem anderen Planeten.

Im Bistro pflegte ebenfalls ein Herr zu verkehren, der stets ein Reiseköfferchen auf Rollen mit sich führte. Von diesem entfernte er sich keine Sekunde, als sei er soeben von irgendwoher angekommen oder als würde er jeden Moment wieder abreisen. Eines Tages fasste sich die Dame mit den künstlichen Locken und dem Karpfenmund ein Herz und fragte die Dichterin:

‹Verzeihung, ich sehe Sie so oft hier, sind Sie hier zu Hause?›
Die Dichterin hob den Blick und antwortete mit freundlichem Lächeln:
‹Nein, ich wohne im Kanton Bern, komme aber jeden Sommer in dieses Hotel, um zu schreiben. Die Poesie taucht hier buchstäblich aus dem Lago Maggiore auf. – Und woher kommen Sie?›

‹Ich bin Astrologin und fahre zweimal im Jahr für einige Wochen an den See, einmal im Winter, einmal im Sommer. Sonst lebe ich in Österreich. Ich kann es nicht erklären, aber hier erarbeite ich die genauesten Horoskope für meine Kunden. – Und Sie, mein Herr?›, die Astrologin wandte sich dem Mann mit dem Köfferchen zu. ‹Woher kommen Sie? Sind Sie am Abreisen oder am Ankommen?›

‹Ich weiss es selber nicht, ob ich ankomme oder ob ich abreise. Sie meinen wohl wegen meines Köfferchens, wenn Sie mich so fragen?›
‹Mhm, in gewissem Sinne schon … ja!› gab die Astrologin zögerlich ihre Neugier zu.›

Die Dichterin blickte ihn an und ihr war, als höre sie leise rhythmische Geräusche, die aus der Richtung des Kofferwägelchens zu kommen schienen.

‹Dies ist kein gewöhnliches Reiseköfferchen, sondern ein Herz, ein künstliches Herz, das wie ein Köfferchen aussieht.›

‹Ein künstliches Herz?!›, riefen beide Frauen gleichzeitig aus. „Sie tragen Ihr Herz als Koffer mit sich? Das gibt’s doch gar nicht!› Ungläubig klatschte die Astrologin mit der flachen Hand auf den Tisch, und die Dichterin skizzierte wohl ein paar Gedankengänge, die ihr sofort zum Kunstherzen einfielen.

‹Es ist aber so!›, fuhr der Mann fort. ‹Mein eigenes Herz war sehr krank, so dass es herausoperiert werden musste. Jetzt warte ich auf ein Herz von einem verstorbenen Spender. Bis sich eins findet, das zu mir passt, werde ich vorübergehend von diesem Kunstherzen am Leben erhalten.› Und er zeigte vieldeutig auf sein stetiges Begleitgepäck. ‹Es ist aber möglich, dass ich es nicht erlebe und vorher sterbe. Deshalb versäume ich keinen Augenblick, das Leben – dieses Wunder! – zu geniessen, mich am Leben zu erfreuen, solange es mir noch vergönnt ist…›

‹Woher genau kommen Sie?›, doppelte die Astrologin neugierig nach. ‹Obwohl ich oft in der Schweiz bin und die meisten Mundarten gut unterscheiden kann, schaffe ich es nicht, Ihren Dialekt einzuordnen.›
‹Das ist auch nicht ganz einfach›, antwortete der Mann mit dem Kunstherzen. ‹Ursprünglich komme ich aus Bosnien, lebe aber seit zwanzig Jahren in der Schweiz, gleich im Nachbarkanton Graubünden. Zurzeit bin ich auf einem Kurzbesuch bei meinem Sohn und meinen Enkelkindern. Allerdings muss ich jederzeit bereit sein, sofort ins Spital einzurücken, wenn ich angerufen werde.›

‹Es ist sicher nicht einfach, ständig in ungewisser Erwartung zu leben, ob und wann man angerufen wird, und sich gleichzeitig bewusst zu sein, dass in dem Augenblick, in dem das Telefon läutet, jemand anderer sein Leben verloren hat. Jemand, der uneigennützig sein Herz einem Wartenden vermacht hat›, sinnierte die Dichterin nachdenklich.
‹Es ist wirklich schwierig, diese Gefühle in Worte zu fassen›, nickte der Mann.

‹Lange konnte ich mich nicht entscheiden, was ich tun sollte, nachdem mir die Ärzte eröffnet hatten, dass bei meinem schwerkranken Herzen eine Transplantation die einzige Überlebenschance bedeute. Dann aber fühlte ich mich körperlich von Tag zu Tag kraftloser. Ich konnte kaum noch ein paar Schritte gehen, ohne schrecklich müde zu werden. Nun war es höchste Zeit, mich für die Transplantation zu entscheiden, aber ich konnte nicht.

Ich hatte grosse Angst. Ich konnte mir nicht vorstellen, mich von meinem eigenen Herzen zu trennen, das ein Leben lang meine Freuden und Hoffnungen, meine Sorgen, meine Trauer beherbergt hatte und an seiner Stelle ein künstliches Herz, eine Maschine in einem Koffer herum zu schieben, bis von einem Verstorbenem wieder ein echtes Herz gefunden würde, das zu meinem Körper passte.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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