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Vladimir Zarevs “Verfall” beschreibt den Untergang – nicht im alten, sondern im neuen System

19 August, 2010 von · Keine Kommentare

Regina General

“Wenn etwas nicht Sprache wird, dann ist es tot. Es muss durch ein individuelles Lebewesen hindurchgehen, durch dein Leben oder durch meins! … Das mit dem kollektiven Gedächtnis ist doch Quatsch.”

Alles zerfällt im Bulgarien der Nachwendezeit. Gewerkschaften, Parteien, Verbände, selbst die Kirche. Die Koordinaten des Lebens haben sich aufgelöst. Als müssten sich die Figuren in einer surrealen Welt zurechtfinden, in der Farben, Formen, Wertungen, Begriffe ihre Zeichenhaftigkeit verloren haben, treiben sie dahin, die meisten orientierungslos, desinformiert, inbrünstig hoffend auf irgendwas oder irgendwen. Einigen Wendigen aber scheint eine Brücke gebaut zu werden durch schnelle Korrektur all dessen, was sie bisher vertraten, ihre grotesken Gedankensprünge werden nirgends in Frage gestellt, der eine oder andere hat sogar eine Idee. Für wieder andere findet sich eine Person, die einen Auftrag formuliert, die meisten aber taumeln von einem Gerücht zum anderen. Was ist wahr, was Phantasie?

Der bulgarische Schriftsteller und Herausgeber der Vierteljahreszeitschrift Sewremennik (Zeitgenosse) Vladimir Zarev hat einen Roman über diese Jahre geschrieben und ihn Verfall genannt. Werden und Vergehen sind in seinem Verständnis ein sich bedingendes Paar. Er war auch vor der Veröffentlichung des Buches in seinem Land angesehen, aber seit 2003, dem Erscheinungsdatum dieses Buchs, gilt er als Guru der Nachwendezeit. Er erzählt nicht einfach vom Umbruch, von den Unterschieden der Systeme, er erzählt von den Menschen und davon, wie sie sich in ihrer zerfallenden Welt bewegen. Der Staub von gestern muss ihnen Humus sein, es gibt keine andere Krume. Und wenn die dünne Decke, die daraus entsteht, nachgibt, weil darunter nichts als Hohlräume gewesen sind, dann kommen sie ins Rutschen. Irgendwann werden sie aufschlagen. Denn Bulgarien hat, wie all die anderen ehemals sozialistischen Länder, zwar das System gewechselt, “Demokratie” beschlossen, was der Einzelne damit anfangen soll, weiß aber so recht keiner. Es gibt kein Ordnungssystem, an dem man sich entlang hangeln könnte. Und so sind die am erfolgreichsten, die Demokratie mit Jeder-rafft-was-er-kriegt übersetzen.

Zarev lässt seinen Figuren breite Spielräume. So weiträumig, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Machbarem und Auszuschließendem verschwimmen. “Es gibt … kein schlimmeres Gefängnis als aufgezwungene Freiheit … Die ganze verdammte Zeit stand mir restlos zur Verfügung, und das raubte ihr den Sinn.” Aufstehen, wozu, anziehen, warum, denken, in welche Richtung? Was macht einer mit sich, wenn er keinen Platz mehr findet, an dem seine Fähigkeiten gebraucht werden?

Gemeinhin betrifft diese Frage einzelne, nach 1989 dagegen ganze Gruppen der Gesellschaft. Sie zehren von ihrer bisherigen Existenz, bis es nichts mehr gibt, von dem sie zehren könnten, materiell ebenso wie ideell. Sie pflegen überlieferte Zusammenhänge, obwohl daraus bestenfalls billiger Trost fließt. Wer sich absetzen will, und das versucht jeder zuerst, trifft selten auf Substanz. Was Halt verspricht, ist trügerisch. Aber um Betrug von Chance zu unterscheiden, fehlt ein Sensorium. Zu viele versacken im Laufrad von vergeblicher Jobsuche, fast kriminellen Angeboten und jenem billigen Weichmacher Alkohol, den eine mitleidige Seele spendiert.

Der Autor setzt die sensibel herausgearbeiteten Psychogramme seiner zwei Hauptfiguren gegeneinander, um die Entwicklungen im Land hintergründig und dennoch konsequent am individuellen Schicksal einzufangen. Das des Intellektuellen und Schriftstellers Martin Sestrimski, – dem Autor durchaus verwandt – und das von Bojan Tilev, der aus dem alten Ministerium des Inneren stammt, von seinem Vorgesetzten in das mafiöse System der Zigarettenschmuggler befohlen wurde und nun die Segnungen des schnellen Geldes genießt. Die Quellen aus den im rechtlosen Raum stattfindenden Geschäften sprudeln so reichlich, dass Tilev bald nicht nur buchen, sondern backen muss: Immer neue halb legale Geschäfte, immer gewagtere Transaktionen. Was mit Skrupeln begann, wird tägliche Übung, nistet sich ins Unterbewusste, verändert sein Wesen.

Ineinander geflochten und vom Ende her aufgezäumt, jagen sich in beiden Geschichten die Bilder und Szenen von Aufstieg und Fall, Vision und Realität, bis die wilden Ausschläge in Sosopol am Schwarzen Meer verebben. “Verfall” eben, Konturen einer Neuformierung finden sich nur außerhalb bisheriger Zusammenhänge.

“Die Angst macht uns klein. Sie macht uns sprachlos. Die Angst vor 1989 war eine andere. Sie war irgendwie frecher, leichter, weil Widerstand uns mit einer Aureole versah … Jetzt fällt die Schuld auf uns selbst zurück. Wenn alle von Schuld beherrscht sind, gibt es keinen Schuldigen mehr …und genauso ließen wir es zu, dass man uns ausraubte.” Zarev verrechnet nicht Wohltat mit Schuld, was einer tut ist nur Voraussetzung für das, was das Getane in ihm auslöst. Sein Martin Sestrimski findet jahrelang keine Worte mehr. Er braucht seine Kraft, um sich über Wasser zu halten. Veröffentlicht die eine oder andere kleine Geschichte.

Aber der Wert der Sprache ist so verfallen wie der des einheimischen Geldes. Ein Roman? – fassen Sie sich kürzer! – mitleidiges Lächeln, die eigene Frau verliert die Geduld. Sie arbeitet in drei unterschiedlichen Bereichen, ernährt ihn und die Kinder. Sein Selbstmitleid aber nagt an der Liebe. Der Versuch, mit dem Geld aus dem Verkauf des Elternhauses Geschäfte zu machen, um seinen Platz in der Familie zu festigen, endet im totalen Fiasko. Einer der Menschlichkeit als Wert hochhält, vermutet den Abgrund nicht in Offenheit und Freundschaft. Der Kritische, Respektierte schmilzt auf das Maß eines Bettlers um Liebe, um Halt, um einen Schnaps, um einen Bruchteil des Geldes, das er verlor und wird schließlich zum Dieb am einzig verbliebenen Freund. In nüchternen Zeiten schreibt sich der “Verfall” da beinahe von allein. Tilev dagegen ist unbekannt, willig, autoritätsgläubig, ohne Profil, aber keineswegs dumm.

Zwischen diesen beiden Polen wuchert die Subkultur eines sich auffächernden Gemeinwesens, das von der Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft ein Signal erwartet, die innere Erosion zu stoppen. In diesem Verbund gibt es Gesetze, Orientierungspunkte, die ein neues Mitglied verpflichten. Auch wenn der “gute”, der selbstlose Kapitalismus, der als Hoffnung aufblitzt, an keinem Ort der Welt mehr existiert. Der gespürte Werteverfall ist nicht überall so krass, die wilden Jahre der illegalen Aneignung des Vermögens eines Landes nicht so gravierend wie in Bulgarien – derselbe Prozess in Russland hat den Blick auf andere Länder weitgehend verstellt – aber er ist noch nicht abgeschlossen. Auch wenn Tilevs Scheinimperium zusammenbricht, weil er die Verabredung mit im Hintergrund agierenden neuen (alten?) Mächten nicht einhält, es gibt Nachfolger.

Der Roman versinkt, trotz dieser Tristesse, nicht in Weinerlichkeit. Selbstironisch zupackend erzählt er die Geschichten um seine zwei “Helden” und setzt damit eher aktivierende Zeichen. Bücher, die den Zeitenumbruch von 1989 bearbeiten, gibt es zuhauf – allein in Deutschland zwei, drei Dutzend. Der “Verfall”, das macht ihn besonders, widmet sich dem, was danach kam. Happy- End als Beginn. Verfall, ganz gegenwärtig. Denn er “ist ein Vorgang, voller Einzelheiten, die abgenagt werden wie Knochen”. Man könnte ihn unterbrechen. Wie Zarev/Sestrimski, der sein Buch nicht nur fertig schreibt, sondern auch veröffentlicht. Fünfhundertzwölf Seiten.

Vladimir Zarev: Verfall. Roman. Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 512 S., 24,90 EUR

Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times

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