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Weihnachten in der Pizzeria

10 Dezember, 2010 von · 1 Kommentar

Georgy Milev

christmas
Foto: Flying House Studios

Draußen war es kalt und ungemütlich, ein wenig eingeschneit. Gestern, am Heiligabend, fing es an zu scheinen, und es sah so aus, als ob wir eine weiße Weihnachten hätten, in der Nacht aber hörte der Schneefall auf. Wolken zogen am Himmel. Der Wind fegte die dünne Schneeschicht vom Asphalt des Parkplatzes weg.

In der Pizzeria was es warm und gemütlich. Die Trennwende aus buntem Glas teilten im geräumigen Saal die Tische voneinander. Die jungen Kellnerinnen glitten fließend in ihren Minirocke und roten Arbeitsanzügen vorbei. Es roch appetitlich nach frisch gebratenem Fleisch, nach Tomatensoße und Pilzen.

„Ich wundere mich“, sagte mein Sohn, „warum ist es in den Filmen entweder voll eingescheit oder es liegt gar kein Schnee. Ich habe noch in keinem Film solchen Schnee wie diesen hier draußen gesehen.“ Er ärgerte sich darüber, dass nicht genug Schnee für sein neues Snowboard, das er gestern bekommen hat, lag.

„Gerade weil es Kino ist“, sagte meine Frau, „damit die Wirkung verstärkt wird.“

„Die Filme lügen “, setzte er fort, „und zwar unverschämt.“

„Sie lügen nicht“, widersprach meine drei Jahre jüngere Tochter.

„Sie lügen“, bestand er. „Alles im Film ist ausgedacht“.

„Zwischen dem Ausgedachten und der Lüge gibt es einen Unterschied, denke ich“, sagte meine Frau. „Manchmal ist das Ausgedachte sogar eher wahr als die Wirklichkeit.“

„Wie könnte etwas, was nicht die Wahrheit ist, keine Lüge sein?“, fuhr mein Sohn fort. Seine Welt bestand aus klaren, schwarz-weißen Begriffen. Das ist eben so, wenn man fünfzehn ist.

„Was ist die Wirklichkeit?“, fragte meine Tochter.

„Das hier“, ich zeigte auf die dampfenden Pizzas, welche die junge Kellnerin trug. „Etwas, was man riechen, anfassen und essen kann.“

„Nicht schlecht“, fügte mein Sohn aufgeregt hinzu. „Ich mag die Wirklichkeit.“

„Ich auch“, stimmte meine Tochter zu und leckte sich theatralisch die Lippen. „Lecker.“

Sie hatte Recht. Es war mehr als nur lecker. Der rote Wein, den wir als Weihnachtsgeschenk von dem Lokal bekommen haben, war auch vorzüglich. Leicht, rubinfarbig und mit dezenter Erdbeernote. Als wir mit dem Essen fertig waren, habe ich eine SMS bekommen. Alte Freunde von uns, die wir in den letzen Jahren kaum getroffen haben, wünschten uns Frohe Weinachten. Ich antwortete ganz kurz.

„Übrigens“, wand ich mich meiner Frau zu, „letztendlich habe ich deinem Cousin doch das Geld geliehen.“

„Also hat er geschafft dich doch auszutricksen“, sie sagte das nicht böse oder verärgert. Sie stellte es einfach fest. Und sie hätte einen Grund verärgert zu sein, weil er uns schon eine gewisse Summe schuldete. Keine sehr große.

„Er sagte, sie werden sonst bei ihm den Strom ausschalten“, erklärte ich. „Am Heiligenabend… Er bat mich, dir nichts zu sagen. Er werde das Geld im neuen Jahr zurückgeben. Sie haben ihm den Lohn noch nicht bezahlt.“
Während ich an meinem Wein nippte, bemerkte ich, dass sich die Kellnerin am Ausgang mit einem jungen Mann in ihrer Alter unterhielt. Er war kräftig gebaut, ordentlich angezogen, blond. Und sie – dunkelhaarig und etwa kleiner. Er erzählte etwas und sie lachte. Außerhalb der Filme passiert so etwas nur zu Weinachten. Ich merkte, dass wir die einzigen Gäste waren. Üblicherweise gibt es in dieser Pizzeria fast nie freie Plätze. Ich wartete geduldig das Ende ihres Gesprächs ab und fragte sie nach der Rechnung.

Zweiundzwanzig Lewa und zweiundzwanzig Stotinki. Nicht viel und nicht wenig, genau wie erwartet. Ich habe den Kindern erlaubt, sich verwöhnt zu zeigen und sich Nachtisch zu bestellen, den sie auch nicht aufaßen. Ich sagte der jungen Kellnerin, sie soll die Summe aufrunden. Wir standen auf und fingen an, uns anzuziehen.

„Das sind die am angenehmsten ausgegebenen fünfundzwanzig Lewa“, stellte ich fest.

„So ist es“, gab meine Frau zu.

Die Kinder, die die Kälte schon vergessen hatten, traten beim Rausgehen ein wenig zurück, als der eisige Wind ihnen in die Gesichter schlug.

„Los“, sagte ich, „los in die Wirklichkeit.“

Es roch nach Schnee.

(Übersetzung: Petja Heinrich)

Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times

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1 Kommentar bis jetzt ↓

  • bogpan // 12 Dez, 2010 //

    Sehr gute und tiefe Geschichte (Kafka) von einem Meister wie George Milev ist eine Herausforderung sowohl für die gute Leser und Übersetzer. Grüße an Tandem Milev – Heinrich für diese wunderbare Überraschung vor Weihnachten. Let’s have a Zukunft!

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