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Weltliteratur – unentdeckt

25 September, 2010 von · Keine Kommentare

Bulgarien und seine Literatur als terra incognita fristen auf dem deutschen Buchmarkt ein Mauerblümchendasein. Der aufmerksame Leser wird auf die Erfolge von der Leipziger Buchpreisträgerin Sybille Lewitscharoff mit ihrem Roman“ Apostoloff“ und auf den „Weltensammler“ Illjia Trojanow hinweisen, um dem zu widersprechen. Der eine hat aber sein literarisches Terrain längst in anderen Bereichen gefunden und die in Stuttgart geborene Schriftstellerin ist mit ihrem gelungenen Roman angetreten, eine Generalabrechnung mit ihrem bulgarischen Vater und dessen Heimatland zu führen.

Wäre noch Dimitre Dinev zu erwähnen mit seinen erfolgreichen Romanen. Dieser hat aber seit fast 20 Jahren seinen Lebensmittelpunkt in Wien.

Also ist es doch schlecht bestellt um die bulgarische Literatur im deutschsprachigen Raum, wäre da nicht Vladimir Zarev, dessen zwei übersetzte Romane im deutschen Feuilleton gefeiert wurden,aber bei den Lesern hier nicht angekommen sind. Der Kiepenheuer & Witsch Verlag hat es 2007 mit dem Roman „Verfall“ versucht. Ein Buch, das wie kaum ein anderes, exemplarisch die Verwerfungen durch die politischen Umwandlungen von 1989 zeigt. Anhand zweier Charaktere zeigt Zarev wie die Gier nach Macht und Geld der Erpressung und der Korruption Tür und Tor öffnen.

Unter dem Deckmantel der Umwandlung Bulgariens in eine Demokratie wird das Land schamlos ausgebeutet, so dass ein Großteil der Bevölkerung in Armut gerät. Während ein kleiner Funktionär mit krimineller Energie zu großem Reichtum kommt, kann ein ehedem gefeierter Schriftsteller nur noch mit Müh und Not seine Familie über Wasser halten. Wobei der Roman nicht wehleidig oder gar nostalgisch dem alten Betonsozialismus nachtrauert, sondern literarisch mit Raffinesse und einer gehörigen Portion Komik ein zeitgeschichtliches Gemälde entwirft.

In diesem Jahr hat es jetzt der Zsolnay Verlag versucht den Roman „Familienbrand“ von Vladimir Zarev auf dem deutschen Buchmarkt durchzusetzen. Das Buch ist schon 1978 im kommunistischen Bulgarien erschienen und hat seinen Autor dort auf einen Schlag berühmt gemacht. Von der offiziellen Kritik ignoriert, wurde es vor allem von der jungen Generation gelesen, weil es eben nicht dem Muster des sozialistischen Realismus folgte, nicht der eindeutigen Weltanschauung von Gut und Böse entsprach, sondern sehr differenziert seine Charaktere zeichnet.

Schauplatz des Romans, der von der Jahrhundertwende bis zum Ende des zweiten Weltkriegs spielt, ist Widin, eine Provinzstadt an der Donau im Nordwesten Bulgariens. Eine Stadt weit ab vom Trubel der Welt, eine Stadt nur von der Donau von Rumänien getrennt, ist für Vladimir Zarev der geeignetste Schauplatz, um zu zeigen, wie in einer scheinbar abgeschlossenen Welt um 1900 die Moderne mit ihren Verwerfungen Einzug hält. Auch wenn dem alten Bismarck die Händel auf dem Balkan „keinen einzigen Knochen eines pommerschen Junkers wert waren“, so sollte sich doch gerade dort ein Weltkrieg entzünden. Während das zu Beginn des Romans nur als ein fernes Donnergrollen zu hören ist, so zeigt sich in der kleinen Welt Widins, wie sich die großen ideologischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts auswirken.

Nun sind aber nicht die fatalen Konflikte der Geschichte das Thema des Buches, Zarev hat nicht in erster Linie einen historischen Roman geschrieben, sondern ein mitreißendes Familienepos, das detailliert zeigt, wie sich die Veränderungen auf den Einzelnen ausgewirkt haben. Das Stadtbild Widins ist geprägt von der alten Festung Baba Vida am Ufer der Donau. Die Christen haben ihre orthodoxe Kathedrale, die Moslem eine Moschee und die Juden gehen in ihre Synagoge. Viel lieber gehen die Männer aber in ihre Kneipe, genießen das Dampfbad und hoffen, dass das nächste Donauhochwasser nicht so schlimm wird, wie das letzte. Man träumt von der Großstadt, für das damals noch das habsburgische Wien stand. Nach außen geht man seinem Alltag nach, während sich hinter den Fassaden der Häuser die alten Dramen abspielen, die aber durch die politischen Veränderungen ein neues Bühnenbild bekommen.

Als der alte Assen Weltschev 1895 stirbt, nimmt er ein Verbrechen mit ins Grab, das wie die Erbsünde im Verlauf des Romans auf seine vier Söhne und die Tochter weiter wirken wird. Der Originaltitel des Romans heiße auf Deutsch übersetzt Genesis. Alttestamentarische Bilder sind es die den Roman begleiten und als Konflikte die Figuren des Romans umtreiben. Jordan, der älteste der Söhne wird zum Erben einer Schankwirtschaft, die er gerne um eine fromme Herberge erweitern würde. Symbolträchtig, den Sittenverfall andeutend, wird aus dem Projekt zu guter Letzt ein Haus, in dem zur Freude der Männer, die Sünde Einzug hält. Das muss Jordan, der seinem kraftstrotzenden Vater am ähnlichsten ist, nicht mehr erleben, da er im Krieg ums Leben kommt. Während Christo als der Gebildetste in der Familie für die Ideen des Sozialismus zu schwärmen beginnt, wird der hässliche Ilija durch einen Betrug zum reichen Fabrikaten und Ausbeuter.

Panto glänzt als Möchtegernbohemien, da er die Tochter eines Bankiers geheiratet hat. Durch undurchsichtige Geldgeschäfte in den Ruin getrieben, bleibt ihm am Ende nur noch der Strick. Als schwach erscheinen die Tochter Jonka und die Mutter Petruniza, aber sie sind doch gleichzeitig stark, da sie die Familie zusammenhalten. Jonka, die bewusst kinderlos und ohne Partner geblieben ist, sieht mit ihren seherischen Fähigkeiten einzig das Unheil, auf das die Brüder zusteuern.

Die Enkelgeneration zieht es in die große Stadt nach Sofia und der leidvolle ideologische Konflikt des 20. Jahrhunderts zwischen Kommunismus und Faschismus spiegelt sich im Leben der beiden Cousins Assen und Boshidar wider. Der eine träumt vom bulgarischen Großreich von Hitlers Gnaden und der andere geht als Attentäter in den kommunistischen Widerstand. Die schwache Demokratie in den frühen dreißiger Jahren konnte sich nicht halten und Bulgarien wurde wie schon mehrmals in der Geschichte zum Spielball der großen Mächte. Nach dem Einmarsch der Roten Armee endet zwar der Roman, nicht aber Zarevs Projekt, denn der „Familienbrand“ mit seinen fast 800 Seiten ist als der erste Teil einer Trilogie gedacht und man darf auf die Fortsetzung gespannt sein.

Wenn man Vladimir Zarev auf einer Lesung erlebt, wirkt er sehr zurückhaltend und bescheiden. Liest man allerdings seine Bücher, erkennt man einen Ausnahmeschriftsteller, dessen Umgang mit Sprache an die großen Romanschriftsteller des 19. Jahrhunderts erinnert. Man riecht förmlich das brackige Donauwasser in der Julihitze. Man glaubt mit in der verrauchten Kneipe zu sitzen, in der die Männer beim Schnaps über Gott und die Welt schwadronieren.

Der Leser spaziert mit durch die Gassen Widins oder am Ufer der Donau entlang, wenn sich einer der Söhne des alten Weltschevs abends zum heimlichen Stelldichein mit der Geliebten trifft. Der Roman ist ein Meisterwerk bei dem eine fesselnde Handlung auf eine Sprache trifft, die mit Poesie und Wortgewalt das Geschehen begleitet. Das Ziel des Autors die Frage nach der Moral zu stellen, zu fragen, welche Lebensentwürfe in einer von Ideologie geprägten Gesellschaft überhaupt noch möglich sind, wirkt an keiner Stelle aufgesetzt. Im Gegenteil, mag dieses Bulgarien noch so weit hinten im Balkan liegen, man fühlt und leidet mit Zarevs Figuren und erfährt wie einzelne Schicksale im Strom der Geschichte des 20. Jahrhunderts zerrieben werden.

Man muss an dieser Stelle auch die große Leistung von Thomas Frahm erwähnen, dem es gelungen ist, für die Fülle der Bildern des Romans und der sprachlichen Ausdruckskraft eine passende deutsche Entsprechung gefunden zu haben und es so dem deutschen Leser leicht machen, sich in diesem Roman zu verlieren.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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