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Wie die Zahl 13 einen zum Lebensmeister krönt

17 Oktober, 2009 von · 1 Kommentar

Der bulgarisch-deutsche Film „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ erobert die Herzen der Zuschauer weltweit

Viara Jekova

Carlo Ljubek (Alex) & Miki Manojlovic (Bai Dan)
Carlo Ljubek (Alex) & Miki Manojlovic (Bai Dan)

Auf eine wunderbar witzige und zugleich etwas nostalgische Weise erzählt Regisseur Stephan Komandarev in seinem Film „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ die wahre Geschichte von Alex – einem jungen Mann, der seine Erinnerungen und seine Vergangenheit wieder finden muss. Als Drehbuchvorlage diente der gleichnamige, autobiografische Emigrationsroman von Ilija Trojanow.

Vier internationale Produzenten, Dreharbeiten in vier Ländern, eine Handvoll renommierter Schauspieler und sechs lange Vorbereitungsjahre haben die ungewöhnliche Familiensaga auf der Leinwand zum Leben erweckt. Für den deutschen Produzenten Karl Baumgartner, der unter anderem auch Wim Wenders’ Talent entdeckt hatte, war es der Titel des Films, den er so hinreißend überzeugend fand. Vielleicht, weil darin sowohl ein Stück Gegenwartsromantik als auch die scheue Zukunftshoffnung verborgen liegen.


Die Welt ist gross und Rettung lauert überall – Trailer

Weltgeschichte nennen die Autoren des Films ihre märchenhaft dargestellte Erzählung, weil sie viele Menschenschicksale weltweit betrifft. Die Emigrationsfrage ist sowohl persönlich als auch politisch für mehrere Nationen ein Thema. Dies erklärt auch den enormen Zuspruch, den der Film bei den Kinobesuchern genießt. Auf den internationalen Filmfestivals in Sofia, Zürich und Taipeh hat der Film die Zuschauer nicht nur zum Lachen und Weinen gebracht, sondern auch die Publikumspreise stets abgeräumt.

Die sentimentale Story beginnt mit dem Tod, verfolgt eine bemerkenswerte Geburt und streift viele Phasen eines außergewöhnlichen Schicksals. Doch nicht um den Tod des Titelhelden Alex soll es sich hier handeln, sondern um den seiner Eltern: Bei einem verheerenden Autounfall verliert der 25-jährige Alex Mutter, Vater und jegliche Erinnerung. Nach diesem Ereignis findet er sich konfrontiert mit der eigenen Totalamnesie in einem Leipziger Krankenhaus.

Das einzige, was er weiß, ist, dass eine sehr komisch aussehende, liebevoll grinsende und viel zu energische Person ihm gegenüber auf dem Krankenbett sitzt und behauptet sein Großvater, Baj Dan, zu sein. Um seinen Enkelsohn zu retten, hat er sich auf den langen Weg von Bulgarien nach Deutschland gemacht. Die Person passt nicht so ganz in die Umgebung und seine Methoden das Enkelkind wieder auf die Beine zu bringen, erscheinen zunächst etwas unorthodox. Alex weigert sich dem alten Mann zu vertrauen.

Carlo Ljubek (Alex) & Dorka Gryllus (Maria)
Carlo Ljubek (Alex) & Dorka Gryllus (Maria)

Er ahnt nicht, dass sein Opa für jedes Leid eine fantasievolle Lösung und eine ermutigende Weisheit parat hält. Und wenn das nicht hilft, dann nimmt er den Wanderstock, um den lethargischen jungen Mann aus dem Krankenbett zu treiben. Letztendlich lässt sich Alex auf Baj Dans Überredungskünste ein, und beide begeben sich auf eine ungewöhnliche Reise – mit einem Tandem radeln sie durch Europa und erleben diejenigen Dinge, die man Erinnerung nennt.

Die Geschichte hat ihre Wurzel in der tiefen Vergangenheit, als der 8-jährige Alex mit seinen Eltern die politische Flucht aus einem kleinen bulgarischen Dorf über Italien nach Deutschland ergreift. Doch im italienischen Flüchtlingslager wird zunächst die Hoffnung auf ein besseres Leben für unbestimmte Zeit eingesperrt. Da aber das Leben bekannterweise ein Spiel ist, kann es nur durch ein anderes Spiel zurecht gebogen werden – Backgammon hieß damals die entscheidende Lösung…

Miki Manojlovic (Bai Dan) & Carlo Ljubek (Alex)
Miki Manojlovic (Bai Dan) & Carlo Ljubek (Alex)

Wie die Würfel fallen, ist oft mit Glück verbunden, es ist aber die eigene Hand, die diese wirft und für das Glück sorgt. Durch seinen Gedächtnisverlust kennt Alex heute weder das Spiel noch seinen großen Meister – Baj Dan. Als gefürchteter „Würfel-Dompteur“ und ungeschlagener Backgammon-Sieger in seinem Heimatdorf bekannt, ist der Großvater die einzige Person, die Alex die Würfel des Lebens wieder in die Hand legen kann.

Die Magie des antiken Brettspiels begleitet geschickt die ganze Handlung und verleiht der Geschichte jene Vollkommenheit, die die Dinge einfach und verständlich erscheinen lässt.

Miki Manojlovic (Bai Dan)
Miki Manojlovic (Bai Dan)

Baj Dans Figur ist mit Herzlichkeit, Wärme und unendlicher Stärke gezeichnet. Seine Lebensweisheit und die charismatische Erscheinung machen ihn nicht nur sympathisch, sondern auch nachvollziehbar und lebensnah. Sowohl dramaturgisch als auch schauspielerisch besticht die Rolle, gespielt von Miki Manojlovic (in Deutschland durch Kusturicas Filme und als der Bordellbesitzer in „Irina Palm“ bekannt), durch ihre starke Präsenz. So stark, dass die anderen Charaktere in ihrem Schatten bleiben und sich sowohl emotional als auch dramaturgisch im Hintergrund bewegen.

Erzählt wird mit vielen Rückblenden in nicht-chronologischer Reihenfolge. Doch die einzelnen Momente der Story sind für den Zuschauer leicht zugänglich und begreiflich: sowohl in den Farben als auch im Bildtempo werden Vergangenheit und Gegenwart getrennt. Rahmen- und Grundhandlung unterstützen sich gegenseitig und bauen abwechselnd die Geschichte derart auf, dass Spannung entsteht und zugleich die Kontinuität erhalten bleibt.

Mit der Entwicklung der Story bemerkt man nicht nur im Sujet, sondern auch in seiner Wirkung die starken Kontraste zwischen Ansichten und Kulturen, Lebensweisen und Lebenswelten, Tragik und Komik, Nachempfinden und bloßem Beobachten.

Der Film gilt im weitesten Sinne als melodramatisch, weil seine Vorlage eine unglückliche Story erzählt. Doch Regisseur und Drehbuchautoren haben daraus ein lustiges, leichtes Drama ausgeklügelt, das zwischen den kleinen Schluchzern viel Spaß und gute Laune verbreitet.

Dabei zielt der Humor nicht auf die historischen Begebenheiten, sondern auf Charaktere und Situationen, die durch Authentizität und kulturell bedingte Merkmale Sympathie und Heiterkeit erwecken. Nicht die verulkte Darstellung eines ehemaligen Regimes steht hier im Zentrum, sondern der Mensch und sein kurioses Handeln in einer ihm fremden Umgebung.

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Es ist eine wahre Geschichte, aber zusätzlich ist der Film ein Bote der Vergangenheit und zwar jener, ohne die eine Zukunft unmöglich erscheint. Alex’ Amnesie ist hier nicht nur die Folge einer Katastrophe, sondern ein Symbol des Vergessens, das die Herkunftsfrage und deren Erkenntnis verblassen lässt. Ohne die Familie zu idealisieren, wird der innere Zusammenhalt stark unterstrichen. Aus der traurigen Emigrationsgeschichte wird eine herzwärmende Ode an die Großväter.

Zurecht, denn letztendlich sind Großeltern dafür da – als felsenstarke Traditionsträger, weil sie die Familienwurzeln kennen; als ewiger Zufluchtsort, weil sie ihren Kindern immer ein Zuhause geben können; und als weise Fadenzieher, die überall lauern, um dich retten zu können. Und sei es durch das Backgammon-Spielen, das einen zum Lebensmeister krönt: eine bessere Lebensphilosophie kann es gar nicht geben.

Fotos: Yana Blajeva

Kategorien: Frontpage · Szene · Visual Arts

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1 Kommentar bis jetzt ↓

  • gerd popow // 20 Nov, 2011 //

    schöner kleiner Film, warmherzig und immer mit einem Augenzwinkern.
    Hat mich dazu gebracht nach vielen Jahren nochmal mit Tabla spielen zu beginnen.

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