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Wie ich den Herbst ’89 erlebte

13 Oktober, 2009 von · Keine Kommentare

Claudia Bierschenk


Foto: Daren C. Emmingham

Der 9. November 1989 fiel auf den Tag unserer wöchentlichen Schuldisko. Für mich sollte es die letzte Disko in dieser Schule und diesem Land sein. Ich würde mich an diesem Abend von meinen Freunden verabschieden, denn es war sehr wahrscheinlich, daß ich sie nicht so bald, wenn überhaupt, wiedersehen würde.

Ich lebte in der DDR und es waren drei Monate bis zu meinem vierzehnten Geburtstag.

Meine Familie lebte in einem winzigen Dorf, nur ungefähr drei Kilometer von der deutsch-deutschen Grenze entfernt. Für mich, wie für andere Kinder wohl auch, war es völlig normal, daß wir in der Schule eine andere Meinung vertraten, als zu Hause. Meine Eltern erzogen meine Schwester und mich als “Freigeister” und lehrten uns schon früh, daß Meinungsfreiheit ein Menschenrecht ist, genauso wie das Recht überall dorthin zu fahren wohin man will. Das war in unserem Land natürlich so nicht möglich.

Die meisten unserer Verwandten lebten in Westdeutschland und Westberlin und ich hatte von jeher an der Propaganda unserer Lehrer gezweifelt, daß alle westlich des “Schutzzaunes” und des “Antifaschistischen Schutzwalls” (also Eiserner Vorhand und Berliner Mauer) Tag und Nacht an nichts anderen dachten als unser friedliches kleines Land zu bedrohen.

Ich konnte mir (schon im Kindergarten) nicht vorstellen, daß meine Tanten und Onkel, die uns unablässig mit Westpaketen versorgten, und uns all die Dinge schickten, die es bei uns so selten oder nie gab (Strumpfhosen, Bettwäsche, Apfelsinen, Jakobs Krönung) potentielle Kriegstreiber sein sollten.

Da wir so nah an der Grenze wohnten, konnten wir einige westdeutsche Fernsehkanäle empfangen. Trotz der großen Auswahl an allen möglichen Programmen, sah ich am liebsten die Werbung. Mir lief jedes Mal das Wasser im Mund zusammen, wenn ich einen Spot über cremigen Joghurt mit echten Fruchtstücken sah, oder die verschiedenen Schokoriegel in bunten Verpackungen.

Immer wenn unsere Westverwandtschaft ein Paket schickte, waren natürlich auch immer Süßigkeiten für meine Schwester und mich dabei. Dies war Mangelware, und ich hob diese Schätze immer so lange auf, bis die Schokolade einen weißen Belag hatte.

Im Sommer ’89 erhielt meine Mutter zum ersten Mal die Erlaubnis, in den Westen zu reisen. Als Normalbürger konnte man nicht einfach so auf ein Visum hoffen, jedenfalls nicht für das kapitalistische Ausland. Man konnte jedoch ein Visum zu einem bestimmten Anlaß beantragen, wie ein achtzigster Geburtstag, Taufe, oder rein Todesfall in der Familie auf der anderen Seite des Zauns.

Nach zwei Ablehnungen und häufigen Besuchen auf der Polizeiwache, bekam meine Mutter nun endlich das langersehnte Visum für einen zweiwöchigen Besuch zu einer Tante nach Hessen, nur zwanzig Kilometer Luftlinie entfernt.

Es waren die längsten zwei Wochen meines Lebens. An dem Tag, als meine Mutter zurückkam, wollte ich sie gar nicht mehr loslassen. Nicht nur, weil sie wie ein Westpaket roch; ich hatte die ganze Zeit Angst gehabt, daß sie einfach “drüben” bleiben würde. Diese Strategie wurde nur allzuoft von Familienmitgliedern angewandt, die dann durch eine “Familienzusammenführung, den Ehepartner und die Kinder in den Westen hinüberholen konnten. Dies klappte aber nicht immer.

Es war auch der Sommer der Rastlosigkeit und beginnender Veränderung in unserem kleinen Land. Ungarn hatte eines Tages einen Grenzübergang zu Österreich geöffnet. Fassungslos saßen wir vor dem Fernseher und sahen ungläubig zu, wie Hunderte von DDR-Bürgern, die wochenlang teilweise auf Bürgersteigen in ungarischen Grenzstädten campiert hatten und mit allem, was sie tragen konnten, oder auch nur mit dem, was sie auf dem Leibe trugen, über die grüne Grenze liefen.

Die Prager Botschaft war von verzweifelten, ausreisewilligen DDR-Bürgern besetzt worden. Mein Vater war schon soweit, uns einfach alle ins Auto zu packen, und auch dorthin zu fahren, doch die Regierung hatte es mittlerweile durch verschärfte Reiseregelungen fast unmöglich gemacht, noch ein Visum zu bekommen.

Meine Eltern entschieden sich letztendlich dazu, einen offiziellen Ausreiseantrag zu stellen. Zuerst sagten sie mir nichts davon. Ich wühlte eines Tages in einem Schubfach im Wohnzimmerschrank, wo meine Mutter neben unseren Ausweisen und anderen wichtigen Papieren auch ihren Schmuck aufbewahrte (ich probierte ihn manchmal heimlich an). Da fand ich einen handschriftlichen Entwurf des Antrags.

Ich werde dieses Gefühl nie vergessen; als ob ein Blitz mich durchzuckte. “Mein Gott, jetzt sind wir Staatsfeinde!” war mein erster Gedanke. Dieser Schritt bedeutete Warten, Repressionen, Stasi, und “Umstimmungsgespräche”. Mein Vater war jedoch guter Dinge. So, wie sich die Dinge im Land entwickelten, würde man uns bestimmt schnell ausreisen lassen. Dennoch verlor er sofort seine Stelle als Lehrer und arbeitete heimlich in der Autowerkstatt eines Freundes, denn Arbeitslosengeld gab es nicht.

Wir packten unsere Sachen. Meine Haustiere, unter anderem meinen Wellensittich Otto, gab ich meiner besten Freundin. Hatte man einmal die Ausreise gestellt, mußte man unter Umständen Jahre warten, doch wenn es soweit war, ging der Abtransport meist ziemlich schnell. Wir mußten also vorbereitet sein.

Der Sommer ging zu Ende, und die Montagsdemos begannen – Leipzig, Dresden, Berlin, und auch in vielen kleinen Städten. Die DDR-Bürger in der Prager Botschaft waren schon im Westen und meine Eltern hatten das Gefühl, daß es auch für uns bald losgehen würde. “Claudi, verabschiede dich schon mal so langsam von deinen Freunden. Es kann durchaus sein, daß wir nächste Woche nicht mehr hier sind.” Meine Mutter lag oft richtig mit ihrem Bauchgefühl. Und etwas gab es da noch: Ich war zum ersten Mal verliebt und davon überzeugt, mich nie wieder so verlieben zu können.

Außerdem hatte ich doch irgendwie Angst vor dem Westen. Nicht, weil ich die Propaganda plötzlich glaubte, sondern weil ich befürchtete, man könnte mich ärmlich gekleidetes Zonenkind auslachen. Immerhin war ich ein Teenager und davon überzeugt, daß ich mit der Westmode nie mithalten könnte.

Die Schuldisko wurde entweder vom Direktor selbst, oder einem Lehrer beaufsichtigt und war schon recht früh zu ende. Ich hatte mich an diesem Abend (dem 9. November) prophylaktisch meinen Freunden verabschiedet und trottete nach Hause. Mein Poesiealbum, in das sich alle noch eingetragen hatten, hielt ich an mich gepreßt. Da bemerkte ich die vielen Leute, die vor fast jedem Haus standen und sich aufgeregt unterhielten. Meine Oma stand im Bademantel vor unserem Haus und redete wild gestikulierend mit der Nachbarin.

Meine Mutter kam mir lachend und weinend entgegen gerannt. Sie umarmte mich so fest, daß mir die Luft wegblieb und sagte immer wieder “Die Grenze, die Grenze ist auf!” Meine kleine Schwester war damals erst fünf. Sie hüpfte im Nachthemd juchzend durchs Haus, voller Freude, daß sie nicht ins Bett mußte.

Meine Eltern und ich saßen vor dem Fernseher und konnten es kaum fassen, als Schabowski die Nachricht verlas, daß ab jetzt jeder DDR-Bürger, mit einem gültigen Ausweis einfach so in den Westen fahren durfte! Mein Vater war mißtrauisch. Sicher sei dies alles nur ein Trick, und sie würden alles wieder dicht machen.

In der Zwischenzeit, war das ganze Dorf auf den Beinen und unterwegs zur Grenze, in Autos, auf Mopeds und Fahrrädern. Alle wollten nur dorthin und “gucken, dann aber wieder nach Hause zurück kommen. Mein Vater entschied, daß wir uns nicht von der Stelle rühren sollten, jedenfalls nicht, bis wir uns sicher sein konnten, daß die Grenzen aufbleiben würden. Sollte das der Fall sein, dann brauchten wir ja auch gar nicht mehr ausreisen.

Am 11. November beim Frühstück sagte mein Vater schließlich “Na los, wir besuchen Tante Gretchen!” Ich konnte es nicht fassen – wir würden tatsächlich in den Westen fahren! Obwohl wir so nah an Hessen wohnten, eigentlich nur fünf Kilometer von unserer Tante entfernt, waren nur einige wenige Grenzübergänge geöffnet worden, sodaß wir einen ziemlichen Umweg fahren mußten. Mein Vater schätzte, daß wir circa zwei Stunden unterwegs sein würden.

Daraus wurde jedoch eine fast zwölfstündige Fahrt. Wir fuhren am frühen Nachmittag los und kamen um zwei Uhr morgens an, denn wir hatten im besten Stau unseres Lebens gesteckt. Noch nie hatte ich so viele Ladas, Trabbis und Wartburgs gesehen, wie an diesem Tag! Alle zogen es westwärts. Der Gestank war betäubend, es wurde gehupt und Musik dröhnte aus den Autoradios. Was für eine Atmosphäre! Als wir endlich am Grenzübergang ankamen, wurden meine Eltern nervös. Würde das wirklich klappen? Würde man uns durchlassen? Die Grenzer hatten Blumen an ihre Uniformen gesteckt, die ihnen von überglücklichen DDR-Bürgern überreicht worden waren.

Alles klappte wunderbar, sie lächelten sogar, als sie die Pässe abstempelten. Und dann waren wir plötzlich im Westen! Die ganze Reise war schon aufregend genug gewesen, doch nichts konnte uns auf das vorbereiten, was uns auf der anderen Seite erwartete: Auf beiden Seiten der Straße standen unzählige Menschen, die johlten, winkten, klatschten, den Autos aufs Dach klopften und “Willkommen!” riefen.

Man warf Süßigkeiten durchs Autofenster, fremde Menschen klopften meinem Vater auf die Schulter, griffen die Hände meiner Mutter. Meine Eltern weinten und meine kleine Schwester kreischte vor Freude über diese ganze Aufregung. Ich dachte, ich müßte jeden Moment aufwachen.

Der Verkehr lief noch immer sehr langsam. Am Straßenrand gab es einen Stand, wo Kaffee und Cola ausgeschenkt wurde. Ich hatte in Ungarn ein paar Mal Coca-Cola getrunken, aber meine kleine Schwester noch nie. Sie war mehr von der Cola-Dose beeindruckt und erklärte feierlich: “Die hebe ich aber auf.” Eine wahre kleine Ostdeutsche. Obwohl es schon spät in der Nacht war, fiel mir sogleich auf, daß hier alles anders war. Es roch nicht nach Kohle, und die Häuser waren alle schneeweiß verputzt.

Unsere Tante war noch wach, als wir ankamen. Mit Tränen in den Augen drückte sie uns an sich. Wir konnten dies alles überhaupt nicht begreifen. Sollte es wirklich so einfach sein? Am nächsten Tag ging unsere Tante mit uns in den kleinen Supermarkt. Wir fielen fast in Ohnmacht, als wir plötzlich vor dieser ganzen Vielfalt standen! Sie gab mir fünf Westmark uns sagte, “So, jetzt kauf dir mal was Schönes!” Ich hatte keine Ahnung, was ich mir aussuchen sollte.

Doch dann stand ich vor dem Regal für Tiernahrung. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Hier gab es wirklich alles! Die Westdeutschen müssen ja echt tierlieb sein, dachte ich. Auch wenn es komisch klingt (und meinen Eltern war es etwas peinlich), aber das erste, was ich mir im Westen kaufte war eine Packung Vogelfutter, mit echten Fruchtstücken. Ich war nämlich entschlossen, Otto, meinen Wellensittich, aus seiner “Zwangsadoption” zu erlösen, denn so wie es aussah, würden meine Eltern sich hoffentlich gegen eine Ausreise entscheiden.

Wir reisten nicht aus, denn die Grenzen blieben offen und nur ein Jahr später, gab es die DDR nicht mehr. Ich kann nicht glauben, daß das alles schon zwanzig Jahre her ist. So viel ist passiert, und je älter ich werde, um so öfter frage ich mich manchmal, was wohl aus mir geworden wäre, wenn der Eiserne Vorhang nicht gefallen und wir ausgereist wären.

Ich bin dankbar, daß alles so gekommen ist. Ohne den Mauerfall wäre ich vielleicht nicht zur Uni gegangen, hätte nicht die halbe Welt bereist und einen wunderbaren Engländer getroffen, dem zuliebe England nun meine zweite Heimat ist.

Kategorien: Frontpage · Modern Times

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