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Wupperwasser

17 Juni, 2015 von · Keine Kommentare

Heute aus

Am 8.4.15 erschien die Anthologie “Vom Leben und Regen in Wuppertal” in der Edition Köndgen. Am gleichen Tag fand dazu die passende Lesung in der Börse statt.

Im Buch finden sich elf Geschichten von Autoren und Autorinnen mit großem Bezug zum Tal, die der Wuppertaler Autor und Schreiblehrer André Wiesler gesammelt hat.

Wenn Wuppertaler über ihre Stadt berichten, dann erzählen sie die unterschiedlichsten Geschichten. Es sind Geschichten vom Leben und Sterben und natürlich vom Regen, für den Wuppertal fast so bekannt ist, wie für seine Schwebebahn. Elf dieser Geschichten von Wuppertaler Autorinnen und Autoren, finden sich in diesem Buch.

Sie fahren Rennen in dieser Stadt, lassen die Schwebebahn weglaufen, begleiten die historische Geschichte des Räubers Biebighäuser, haben schicksalsverändernde Begegnungen, ringen mit Staus und Straßensperren oder jagen dem Regen hinterher. Sie erzählen lustige, traurige und nachdenkliche Geschichten. Kurzum: Sie haben alle ihre eigenen Vorstellungen davon, was (sich) Regen in Wuppertal bedeutet.

Mit dem Verkauf der aktuellen Geschichtensammlung “Vom Leben und Regen in Wuppertal” und der davor herausgebrachten “Vom Leben und Schweben” wird das Kinderhospiz Burgholz in Wuppertal unterstützt. Bücher Köndgen und die Autoren haben dabei auf ein Honorar verzichtet.

Hier lesen Sie einen Ausschnitt aus der Geschichte “Wupperwasser” von André Wiesler. Weitere Geschichten folgen.

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“Vom Leben und Regen in Wuppertal” bei Köndgen

Wupperwasser
von André Wiesler

Als ich Luise zum ersten Mal sehe, steht sie mit aufgespanntem Schirm und nackten Füßen in der Wupper. Im ersten Moment halte ich sie für eine dieser Plastikfiguren, mit denen man unsere Stadt immer mal wieder ebenso verzweifelt wie erfolglos zu verschönern sucht. Pinguine auf dem Werth, dicke Menschen in den Barmer Anlagen und jetzt eben kleine Frauen im regenbogenbunten Wollmantel in der Wupper.

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Fotos: desenze

Mir schießt durch den Kopf: „Da hat es der Künstler mit dem Bunt aber übertrieben.“ Unter dem Mantel lugt eine hochgekrempelte Hose in der Farbe einer reifen Orange hervor und über dem ebenfalls bunten Kopftuch schwebt ein Pikachu-Kinderschirm. Er ahmt das Wesen aus der japanischen Zeichentrickserie gekonnt nach: gelb mit aufgesetzten schwarzen Ohren. Die kleine Fläche schafft es gerade so, den strömenden Regen um die kleine, dünne Frau herum und in die Wupper zu leiten.

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Foto: desenze

Ich habe mein Auto schon fast erreicht – das wie immer gefühlte 20 Kilometer entfernt geparkt steht –, da fällt mir auf, dass sich die Figur bewegt. Sie dreht sich zu mir um, als habe sie meinen Blick gespürt, verschiebt das faltige Gesicht zu einem Lächeln und winkt mir. Reflexartig winke ich zurück, ärgere mich aber gleich darüber. Bloß kein Augenkontakt. Diese Irren kommen dann angerannt und wollen Kleingeld oder über ihre eingebildeten Freunde reden oder einen davon überzeugen, dass die Regierung auch hinter dir her ist. Immerhin ist ihr Kopftuch nicht aus Aluminium.

Trotzdem schaue ich weg und springe ins Auto. Wie so oft bin ich spät dran und durch die B7-Sperrung wird das nicht besser.

„Gehst du mit essen?“, fragt mich Leo. Er ist wie ich zwei Meter und muss sich so nicht mal strecken, um den Kopf über die Kante meiner Box zu schieben. Cubicle nennen die Amerikaner diese Legebatterie für Angestellte. Büro zum Anziehen, nenne ich es. Wenn man ungefähr um das Gewicht eines ausgewachsenen Bernhardiners jenseits der hundert Kilo liegt, bleibt in so einem Ding gerade mal Platz, weit genug vom Schreibtisch wegzurollen, um den Bauch über die Kante zu wuchten und aufzustehen. Elegant sieht man dabei nicht aus. Aber elegant sehe ich bei den wenigsten Dingen aus, insofern macht das keinen großen Unterschied.

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Foto: desenze

„Na sichi“, sage ich und zucke innerlich zusammen. Anfangs habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, den Bürosprech zu imitieren, der hier Usus ist. Aber nach zwei Jahren ist er mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich schwöre mir in diesem Augenblick: Sollte mir jemals ein „Zum Bleistift“ herausrutschen, werde ich mir einen ebensolchen durchs Auge ins Hirn treiben.

Wir bewegen uns Richtung Aufzug und ich lasse den Blick schweifen. Allüberall erhebt sich die arbeitende Masse aus ihren zwei mal zwei Metern Einzelhaft, aber nicht, um den Sturm auf die Paläste einzuleiten, sondern um sich den Wanst mit unternehmenssubventioniertem Schnitzel-Pommes vollzustopfen.

Dann bleibt mein Blick an einem Bild hängen, offensichtlich von 9-Gag oder einer der anderen Zeitvernichtungsinternetseiten heruntergeladen, auf dem ein Regenbogen aus einer dunklen Wolke ragt und am Ende glitzert ein vergoldeter Haufen Scheiße. Den schlauen Spruch dazu kann ich nicht entziffern, aber der Regenbogen lässt meine Gedanken zum Morgen zurückschnellen, zu der alten Frau in der Wupper.
„Kommst du? Sonst ist die Schlange wieder so elend lang.“

„Man spaziert nicht einfach so in die Kantine“, zitiere ich Bogomir aus dem Herrn der Ringe. Ich gebe dem Satz die nötige Schwere, als würde uns wirklich der lange und beschwerliche Weg der neun Gefährten bevorstehen, und Leo lacht. Er ist vermutlich so ziemlich der Einzige im gesamten zwölfstöckigen Gebäude, der meinen Nerd-Humor versteht.

„Das ist kein Schnitzel! Das ist eine Falle“, kontert er mit Captain Ackbar aus Star Wars.
Ich lache ebenfalls und nicke. Der Fahrstuhl macht Ping, öffnet sich und wir bilden die Speerspitze des Abteilungsexodus. Nur dass uns statt Manna zu dick aufgetragene Panade erwartet.

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Foto: desenze

„Blöd“, sagt Leo. „Jetzt stehen wir hinten und kommen als Letztes raus …“
Ich habe ihm nicht richtig zugehört. „Wie kalt ist denn wohl im Moment das Wasser in der Wupper?“, frage ich.

Leo schaut mich einen Augenblick lächelnd an, dann sackt das Grinsen weg wie die Sympathiewerte der FDP und er sagt verwirrt: „Versteh ich nicht.“
„Das Wasser. In der Wupper.“
Leo schüttelt den Kopf.
„Das war kein Spruch. Das interessiert mich wirklich.“
Leo schüttelt erneut den Kopf. „Manchmal bist du seltsam …“

Ich zucke die Achseln und ziehe mein Smartphone raus. Es ist ein mehrere Jahre altes Samsung, mit dem ich mich mittlerweile unter all den hippen modernen Smartphones wieder fühle wie damals in der Umkleidekabine, wenn Christoph Patanasios seinen Riesenschwengel aus der Hose fallen ließ. Aber dafür passt mein Handy noch in die Hosentasche.

Nachdem ich „Wassertemperatur“ eingegeben habe, schlägt mir Google Mallorca, Nordsee und Gardasee zur Autovervollständigung vor. Wäre alles besser als hier. Aber ich tippe tapfer weiter: Wupper. Als ich Eingabe drücke, glaube ich kurz ein „WTF?“ auf dem Bildschirm auftauchen zu sehen, aber das kann Einbildung gewesen sein.

Mittlerweile hat Leo mich, effektiver Futterwingman wie er ist, in die Schlange zum Tresen manövriert. Mehrere Messstationen teilen mir zwar den Pegelstand der Wupper mit, nicht aber die Temperatur. Also muss einmal mehr Wikipedia herhalten, das ausgelagerte Gedächtnis der Welt. „Die Wassertemperatur der oberen Wupper (Wipper) beträgt im Sommer 13–18 °C und im Winter 3–6 °C. Die untere Wupper ist jeweils etwa 2 bis 5 °C wärmer.“ Zum Herbst stand da nix.

„Und?“ fragt Leo.
„Kalt“, fasse ich meine Rechercheergebnisse zusammen und denke: taffe Alte!

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Foto: desenze

Am nächsten Morgen steht sie wieder in der Wupper. Und am Tag drauf. Und am Tag danach. Der gleiche Schirm, der gleiche Mantel, nur das Kopftuch und die Hose wechseln. Am vierten Tag kann ich nicht anders. Ich lenke meine Schritte über die Wiese bis zu den Stufen, die für heiße Sommertage bis ins Wasser der Wupper führen, und rufe über den raunenden Regen hinweg: „Ist das Wasser nicht kalt?“
Die Alte lacht herzlich und watet vorsichtig näher. Ihre Stimme ist etwas heiser, aber angenehm, erinnert mich an die Märchenkassetten, die ich als Kind gehört habe. „Doch, ist schon kalt.“

Tja. Was habe ich auch erwartet? Dass die Wupper bei 13 Grad Außentemperatur und Nieselregen pipiwarm ist? Ich starre sie einige Augenblicke an und überlege verzweifelt, was ich noch sagen könnte. Sie legt den Kopf schief und wartet geduldig. Mir fällt nichts ein. „Schönen Tag noch“, stammele ich und beeile mich, zum Wagen zu kommen.

Sie ruft mir etwas hinterher, das im Murmeln der Wupper und dem Regengeräusch untergeht.
„Was?“
„Ich heiße Luise.“
Das hast du jetzt davon, denke ich, aber ich will auch nicht noch unhöflicher wirken, also rufe ich: „André!“

Sie nickt und wendet sich ab, schlurft einige Schritte weiter in die Mitte des Flusses, bis das Wasser ihre Waden und damit fast den wulstigen Krempel der weinroten Jeans erreicht. Dann schließt sie die Augen und lächelt.

„Herr Wiesler, wir müssen uns dringend mal über Ihre Pünktlichkeit unterhalten.“
Ich lehne mich vorsichtig vor, damit der Lederlappen-und-Edelstrahlrahmen-Stuhl mir nicht unterm Hintern zusammenbricht, und frage: „Was ist damit?“

Es kommt ein bisschen zu defensiv heraus, aber ich war noch nie gut mit Autoritäten, und wenn diese Autorität zwei Köpfe kleiner, hundert Kilo leichter und ein arrogantes Arsch ist, wird es nicht besser.
„Sie existiert nicht“, sagt Joseph Maier („Mit a und i, vergiss das nie!“), klopft auf sein Tablet und schiebt es mir zu. Dann zieht er eine Schublade auf und entnimmt ihr eine Handcreme. Während er sich einen weißen Streifen auf die Handfläche quetscht, der aussieht, als hätte ihm eine Möwe reingeschissen, werfe ich einen Blick auf die Anzeige. Meine Arbeitszeiten. Zehn der letzten vierzehn Tage sind rot markiert.

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Foto: desenze

„Da sind Sie immer mindestens zehn Minuten zu spät gekommen“, sagt er und reibt sich die Hände, was ihn wie einen Klischeebösewicht aussehen lässt. Wenn er wenigstens schwul wäre, dann wäre die Handcreme ja zu verzeihen. Aber er ist nur ein eitler Fatzke.

„Das tut mir leid“, lüge ich. „Aber wie Sie sehen, bin ich jeden Tag mindestens 20 Minuten länger hier.“
„Ja nun, Herr Wiesler, das erwarten wir ganz selbstverständlich von unseren Angestellten, das ist das Quäntchen Einsatz, dass Sie schon bringen müssen, wenn sie bei uns arbeiten wollen.“
„Aha, verstehe“, sage ich und lehne mich schwungvoll zurück. Der Stuhl quietscht, hält aber leider.
„Das hoffe ich.“
„Was?“
„Dass Sie verstehen.“
Ich lehne mich drohend wieder vor. „Bin ja nicht doof.“
Maier lässt das pointiert unkommentiert und ich denke darüber nach, ihm die restliche Handcreme durchs Nasenloch einzuführen.
„Wir haben uns verstanden.“ Mit dieser Feststellung winkt er huldvoll mit beiden fettglänzenden Händen.
Ich bleibe sitzen.
„Gibt es noch was?“
Ich schweige.

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André Wiesler wurde 1974 in Wuppertal geboren, wo er bis heute lebt und arbeitet. Er ist als Autor für phantastische Romane, Spieleentwickler, Marketing- und Social-Media-Berater, Lesekomiker, Übersetzer und Slam-Poet tätig.

Er hat für Comedy-Fernsehsendungen wie RTL Samstag Nacht, Happiness, Die Dreisten Drei, die Kindercomedy “Alles Klar” und “Verstehen Sie Spaß?” geschrieben und war als Übersetzer Englisch/Deutsch für diverse deutsche Verlage tätig.

2004 erschien sein erster Roman, dem 1-2 Romane pro Jahr folgen. Seit einigen Jahren ist er mit Soloprogrammen als Lesekomiker unterwegs und hat sich als Teil der Wuppertaler Wortpiraten und ihres Wortex-Poetry-Slams einen Namen als Slam-Poet gemacht.

2012 bis 2013 war André Wiesler Marketingleiter bei Ulisses Spiele, heute ist er dort Projektleiter für Crowdfundings und zuständig für die Zukunftssicherung. Er betreut verschiedene Kultur- und Literaturprojekte, beispielsweise den mit dem “Kultur prägt!”-Preis des Landes NRW ausgezeichneten Kurs “Geschichten in Wort und Bild” (Kooperationsprojekt Kindergarten/Schule) oder den Poetry-Slam-Workshop des Kulturrucksacks der Stadt Wuppertal. Außerdem ist er als Blogger und Podcaster im Internet unterwegs.

Mehr Informationen finden Sie unter

www.andrewiesler.de

Kategorien: Frontpage · Lebensfragen · Szene

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