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Zwischen den Zeilen – zwischen den Sprachen

15 Mai, 2016 von · Keine Kommentare

Ein Interview mit der Autorin Sonja Daieva-Schneider

Sonja_Daieva
Sonja Daieva-Schneider

Frau Sonja Daieva-Schneider stellt am 3. Juni 2016, 19:30 Uhr in Galerie GEDOK in Hamburg (Koppel 66 / Lange Reihe 75) gemeinsam mit der Musik-Interpretin Daria-Karmina Iossifova ihr Buch „Die deutsche Sprache und ich“ vor.

Das Buch findet Anschluss an wichtige Themen aus den aktuellen Debatten rund um den Umgang mit anderen/fremden Kulturen und hat keine Scheu zu provozieren.

Wir nehmen die bevorstehende Veranstaltung zum Anlass, um mehr über die Autorin Sonja Daieva-Schneider und ihr aktuelles Buchprojekt zu erfahren.

Cover_die_deutsche_Sprache

Frau Daieva-Schneider, nach “Bulgarisch lernen, Bulgarien verstehen” (Logos 2009) nehmen Sie in Ihrem aktuellen Buch die deutsche Sprache unter die Lupe (“Die deutsche Sprache und ich. Eine etwas andere Beziehungsgeschichte” (Logos 2014). Was ist in der Zeit dazwischen passiert? Woran haben Sie Anlass genommen?

In “Bulgarisch lernen, Bulgarien verstehen” habe ich mich mit meiner Muttersprache auseinandergesetzt. Ich wollte den deutschsprachigen Lesern erklären, wie Grammatik und Ausdrucksweise in der bulgarischen Sprache die bulgarische Mentalität widerspiegeln.

Im neuen Buch befasse ich mich mit der deutschen Sprache und ihren Tücken als Fremdsprache.

Als Bulgaristin und Germanistin war mir ein Anliegen, zu zeigen, dass das Deutsche nicht weniger Überraschungen für Fremdsprachenlerner bereithält als das Bulgarische.

Bulgarischbuch1

Die deutsche Sprache steht im Vordergrund. Doch trägt das Buch unverkennbar eine persönliche Unternote – “Eine etwas andere Beziehungsgeschichte”, um beim Titel zu bleiben. Wie beschreiben Sie diese Perspektive?

Das exponierte “Ich” im Titel sowie die angekündigte “Beziehungsgeschichte” im Untertitel nehmen Bezug auf das interkulturelle Verhältnis mit der deutschen Sprache als Fremdsprache.

In der Muttersprache fühlt sich das Ich geborgen und selbstverständlich, es bildet eine Einheit mit ihr. Wenn aber das Ich in der Fremdsprache lebt, gerät es in eine Beziehung zu einem Anderen, zu einem Du.

Wer ist der Leser Ihres Buches, den Sie suchen und anschreiben?

Das Buch eignet sich für alle, die mit der deutschen Sprache als Fremdsprache leben. Es kann aber auch für all diejenigen interessant sein, die sich für die Sprache, speziell für das Deutsche, oder für Fremdsprachen und Sprachbeziehungen im Allgemeinen begeistern lassen.

Als Bulgaristin und Germanistin steht die Sprache für Sie verständlicherweise im Zentrum Ihrer Betrachtungen. Der Leser merkt doch bald, dass es um weit mehr als Sprache geht. Was steht hier im Einsatz?

Es geht eigentlich um eine Art Sprachpsychologie, um die Psychologie des Lebens mit und in einer Fremdsprache: um die Freude und die angenehmen Überraschungen, aber auch um die Probleme und Irritationen, die das Aneignen einer Fremdsprache mit sich bringt.

In Ihren Büchern pflegen Sie einen eher unüblichen, humorvollen Umgang mit Sprachen. Wie und warum kam es dazu?

Auf den ersten Blick ist die Grammatik eine trockene und langweilige Materie. Wenn man aber genauer hinsieht, lassen sich erstaunliche Zusammenhänge finden. Die amüsanten Geschichten hinter den Sprachen entdecken und so spannende Sprachwelten eröffnen, das ist u.a. mein Anliegen.

So wird im Bulgarisch-Buch die Einführung in die Grammatik durch Geschichten über die bulgarische Mentalität ergänzt und aufgelockert.

Komplexer erweist sich das spielerische Hinterfragen der Sprache im Deutsch-Buch, wo die Sprachanalyse im Rahmen einer Beziehungsgeschichte zwischen Mann und Frau erfolgt.

Das ist ein alles andere als zwingender, ja sogar provokativer Rahmen, der aber vieles erlaubt. Die Konfrontation zwischen männlicher und weiblicher Perspektive steht stellvertretend für die Möglichkeiten und Grenzen der interkulturellen Kommunikation.

Und zum anderen ermöglicht sie einen radikalen Umgang mit der Fremdsprache. So kommen die Sprachgeschichten in diesem Buch mal humorvoll, mal ironisch überspitzt und sogar sarkastisch daher. Im Endeffekt wirken Grammatik und Etymologie dadurch lebendiger und unterhaltsamer.

Können Sie vergleichbare Beispiele aus den beiden Büchern geben, die Ihre Vorgehensweise veranschaulichen?

Gerne. Bleiben wir bei den Geschlechterrollen von Mann und Frau und schauen, welche Spuren sie in der bulgarischen bzw. deutschen Sprache hinterlassen haben.

“Bulgarisch lernen, Bulgarien verstehen”:
“Das bulgarische Vokabular rund ums Heiraten ist ebenfalls aussagekräftig in Bezug auf das traditionelle bulgarische Wertesystem.

Beide – Mann und Frau – sind verheiratet. Doch der Ehemann ist женен/zhenen (verheiratet mit einer Frau, von жена/zhena); die Ehefrau ist омъжена/omuzhena (verheiratet mit einem Mann, von мъж/muzh); die Eheleute sind женени/zheneni (verheiratet). Unterschiedliche Formulierungen, die fein säuberlich das auf den Punkt bringen, was sich “gehört”: Zu einem Mann gehört eine Frau, zu einer Frau ein Mann und für beide zusammen gilt, wie könnte es anders sein, die “stärkere” männliche Form.”

“Die deutsche Sprache und ich”:
“Die Diskriminierung der Frau zieht sich durch das gesamte Leben hindurch. Der Mann bildet selbstverständlich eine “Mannschaft”; die Frau kann höchstens eine “Frauenmannschaft” zusammenstellen.

Damit nicht genug: Eine Frau muss ihrer Gefühle auch noch “Herr” werden. Paradoxer geht es nicht, oder doch? Verlegenheitslösungen, wohin man schaut. Der Herr sichert seine “Herrschaft” und der Frau bleibt nichts anderes übrig, als sich ebenfalls die “Herrschaft” zu erkämpfen.

Nur zu verständlich, dass ich bei solchen Gedanken die Beherrschung verlieren kann. Der kleine Trost, dass weder “Herrschaft” noch “Beherrschung” mit “Herr” etymologisch verwandt sind, entlockt mir nur ein müdes Lächeln.”

Sie haben es bereits bemerkt: Da, wo im ersten Buch eine objektive Feststellung, zugegebenermaßen mit einem Augenzwinkern, getroffen wird, geschieht im Deutsch-Buch mehr: Hier werden die deutschen Sprachregeln durch die subjektive Wahrnehmung des weiblichen Ichs gefärbt, was die stilistische und emotionale Wirkungskraft der Geschichte intensiviert.

Wo treffen sich – trotz der Differenzen – die beiden Sprachen bzw. Kulturen?

Ausgeprägte sprachliche bzw. grammatische Ähnlichkeiten, die über die gemeinsame Zugehörigkeit zum indoeuropäischen Sprachraum hinausgehen, lassen sich vor allem beim Substantiv finden.

Im Deutschen und im Bulgarischen gibt es drei grammatische Geschlechter und einen bestimmten Artikel. Außerdem gibt es zahlreiche deutsche Lehnwörter im Bulgarischen, wenn auch diese älteren Ursprungs sind.

Kulturell sehe ich, so fern wir nicht über allgemeine europäische Werte sprechen, kaum nenneswerte Ähnlichkeiten. Und das, obwohl man die Bulgaren historisch bedingt als “die Preußen des Balkans” bezeichnet.

Andersherum: an welcher Stelle klaffen sie am meisten auseinander?

Als erstes: Unterschiede sind spannender als Ähnlichkeiten, denn gerade die rütteln uns auf und bringen uns zum Nachdenken. Daher stehen gerade die Differenzen zwischen Sprachen und Kulturen im Mittelpunkt meiner Bücher.

Zur Frage: Was die Grammatik angeht, so möchte ich zwei Unterschiede besonders hervorheben. Zum einen das vielfältige Tempussystem des bulgarischen Verbs gegenüber der eher überschaubaren deutschen Entsprechung.

Und zum anderen die komplexe Syntax der deutschen Sprache, vor allem das Phänomen Verbklammer sowie die Stellung des Verbs im Nebensatz, gegenüber der in diesem Bereich eher unproblematischen bulgarischen Satzordnung.

Soweit man es an den Sprachen ablesen kann, unterscheiden sich die deutsche und die bulgarische Kultur u.a. in zwei entscheidenden Punkten. Erstens: im Umgang mit der Zeit, der im Bulgarischen eher locker (es stehen ja genügend Zeiten zur Verfügung) und im Deutschen eher strikt ausfällt (man muss ja mit den vorhandenen Zeiten gut haushalten).

Und zweitens: Die beiden Kulturen unterscheiden sich offenbar im Umgang mit dem einzelnen Individuum und seinem Verantwortungsbereich. Zum Vergleich: Im deutschen Satz steht das Ich nie an erster Stelle, im bulgarischen schon. Das bulgarische Ich funktioniert differenzierter, kontextuell abhängiger.

Manchmal steht das Ich vorne, manchmal “versteckt” es sich, etwa in typischen bulgarischen Konstruktionen, die die Zusammengehörigkeit mit Familie und Freunden zeigen: ние с майка ми/nie s maika mi (wörtl.: wir mit meiner Mutter, bedeutet aber meine Mutter und ich), у нас/u nas(bei uns, zu uns, gemeint ist aber bei mir, zu mir).

Das deutsche Ich scheint hingegen immer bescheiden und verantwortungsvoll zu sein. Ich bin durchgefallen, heißt es im Deutschen, also ich bin verantwortlich für mein Scheitern. Ganz anders im Bulgarischen: Скъсаха ме./Skusaha me. (wörtl.: Man hat mich zerrissen), also die Anderen tragen die Verantwortung für mein Scheitern, ich kann nichts dafür.

Anders formuliert: Die deutsche Sprache zeigt dem Einzelnen eher seine Grenzen, die bulgarische eher seine Möglichkeiten. Und das ist bestimmt kein Zufall, sondern eine Frage der Mentalität.

Frau Daieva-Schneider, bitte ergänzen Sie die Sätze:

Interkulturelle Kommunikation bedeutet: …. zwischen den Sprachen und Kulturen leben mit dem wachen Bewusstsein für die Chancen und Herausforderungen dieses Dazwischen.

Die Herausforderungen der interkulturellen Kommunikation liegen: … in der Reibung zwischen den verschiedenen Sprach- und Kulturwelten und den dadurch entstehenden Unsicherheiten und Missverständnissen.

Die Chancen der Kommunikation liegen: …in der Relativierung und der damit verbundenen Bereicherung der eigenen kulturellen Perspektive, die das Zusammentreffen von Kulturen und Sprachen bewirkt. Zwei unterschiedliche Welten treffen sich und es entsteht etwas Drittes, etwas Neues.

“Die deutsche Sprache und ich” ist kein typisches Sachbuch: … sondern ein unkonventionelles Sachbuch, erzählt im fiktionalen Rahmen einer Beziehungsgeschichte. Das Vermischen der sachlichen und fiktionalen Elemente veranschaulicht die Probleme und Chancen der interkulturellen Erfahrung.

Welches ist Ihr nächstes Buchprojekt?

Soviel will ich verraten: Im Mittelpunkt meines nächsten Buchprojekts wird wieder eine Fremdsprache stehen. Und einen ungewöhnlichen Blickwinkel darauf, kann ich ebenfalls versprechen.

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Die deutsche Sprache und ich. Eine etwas andere Beziehungsgeschichte

Sonja Daieva-Schneider
ISBN 978-3-8325-3694-7
208 Seiten, Erscheinungsjahr: 2014
Preis: 19.90 EUR

Link zum Verlag: http://www.logos-verlag.de/cgi-bin/engbuchmid?isbn=3694&lng=deu&id=

Kategorien: Art Café · Frontpage

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